Christian Brand jammert

14. August 2001 | Von | Kategorie: Offizielles

Logbuch eines Fussballprofis
Beschimpft auf St. Pauli
Von Christian Brand
Die wöchentliche Kolumne von Fußballprofi Christian Brand bei SPIEGEL ONLINE. Heute: St. Pauli oder wenn beim Auswärtsspiel alles so wie immer ist.


Wer zu St. Pauli geht, ist anders. Anders als alle anderen. Man sagt: „Hier sitzt der Zuhälter neben dem reichen Geschäftsmann vom Jungfernstieg. Der anarchistische Punker steht im selben Fanblock wie der großkapitalistische Börsenhai.“

Die Fans gelten als superlustig und sind fast nie enttäuscht von ihrer Mannschaft. Ein kreativer Schlachtruf folgt dem nächsten. Gegnerische Mannschaften werden mit Applaus empfangen und niemals böse beschimpft. Das Motto lautet: „Fußball auf St. Pauli ist ’ne große Paadie, und alle sind gut drauf.“

Wie gut alle drauf sind, durfte ich hautnah bei unserem Gastspiel in Hamburg miterleben. 1800 Polizisten in Kampfanzügen sind zu dieser großen Party eingeladen. Ein Teil von ihnen steht um den Gästefanblock verteilt und soll dafür sorgen, dass keine Rauchbomben auf den Rasen fliegen. Nach fünf Minuten Spielzeit ist ihre erste Mission bereits gescheitert.

„Du Ossischwein!“
Beim Warmlaufen suche ich mir ein paar Gesichter aus der Menge und beobachte, wie gespannt sie dem Spielgeschehen folgen. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert, welche Emotionen ein Latten- oder Pfostenschuss auslösen kann. Als ein St.-Pauli-Fan bemerkt, dass er für einen kurzen Augenblick meinen Gedanken ausgeliefert ist, beschimpft er mich als „Asozialer“ und „Ossischwein“. Außerdem soll ich mich so schnell wie möglich wieder einmauern lassen. Natürlich ist dieses Verhalten eines einzelnen „supergut gelaunten, Party machenden und äußerst kreative Gesänge anstimmenden Fans“ nur eine Ausnahme. Natürlich ignoriere und überhöre ich ähnliche Bemerkungen von anderen „Fans“ aus demselben Block. Natürlich sind all die Polizisten nur aus Angst vor Krawallen der Rostockfans im Stadion. Natürlich sind es nur eine Hand voll Unbelehrbare.

Alkoholfreies Bier durch den Zaun
Wissen Sie was? Ich kann diesen Quatsch nicht mehr hören. Gehen Sie zu St. Pauli, setzen Sie sich neben Börsenhaie und Zuhälter, stellen Sie sich in den Fanblock und finden Sie selber heraus, wie „anders“ alles auf St. Pauli ist. Der einzige Unterschied zu anderen Stadien bestand am Sonntag einzig und allein darin, dass nur alkoholfreies Bier durch den Zaun auf die Auswechselspieler der gegnerischen Mannschaft geworfen wurde.

4 Kommentare
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  1. Halt die Fresse…..

  2. Christian Brand hat anscheinend ain Problem mit St. Pauli der kleine Miesmacher – interessieren dürfte dieser scheiß allerdings keinen. Ich frage mich warum nur die letzten Jahre keine Ausschreitungen am Millerntor waren und jetzt wo die ach so lieben Berliner und Rostocker kommen ordentlich Stress angesagt ist. Komisch sehr komisch. Christian Brand hat wohl auch nicht bemerkt wie super Fans aus Rostock einen ganze Palette Rauchbomben am start hatte und ziemlich damit genervt haben. Na ja war wohl ne Ausnahme dieses Verhalten von „Fans“ dieser Vereine.

  3. Kopie meines Leserbriefes an Spiegel-online:

    Welch unsägliches Gejammer, Herr Brand!

    In Ihrer Aufreihung plattester Klischees über das Millerntor fehlte eigentlich nur die Frage, warum den Auswechselspielern der Rostocker keine Damen angeboten wurden im Freudenhaus der Liga.

    In einem emotional so geladenen Spiel wie eben jenem gegen Hansa Rostock, läßt es sich leider nicht vermeiden, das einige Dummköpfe die gegnerischen Spieler -zugegeben äußerst primitiv- beschimpfen, denn die anwesende Polizei war weder zu einer „Paadie“ eingeladen, noch dazu da den Menschen im Stadíon den Mund zu verbieten! Aufgabe der Polizei war es, die Spieler (beider Mannschaften) und die anwesenden Fußballfans vor denen zu schützen, die vor Krawallen und Körperverletzungen im Rahmen eines Fußballspiels nicht zurückschrecken.

    In meinem Block in der Gegengerade meinte übrigens ein Fan, wer denn dieser attraktive Spieler der Rostocker sei, als Sie gerade vorbeiliefen. Ich lade Sie gerne ein, die Fanszene einmal von der anderen Seite des Zaunes kennen zu lernen. Sie können doch sicher mal einen Tag frei machen, wenn man nur zweite Wahl ist.

    Vielleicht sollten Sie nächstes Mal erst einmal eine Nacht drüber schlafen bevor Sie Ihre Kolumne anfertigen, und bitte erst denken, dann schreiben.

    …das musste ich mal loswerden
    kreidler

  4. Diesen Artikel (von einem St.Pauli-Anhänger) fand ich bei http://www.blutgraetsche.de:

    Der mühsame Abschied vom Klischee

    Lange Zeit galt die Fanszene des FC St. Pauli als eine Oase der Friedlichkeit, Feierseligkeit („Paadie“), Originalität, Kreativität, Selbstironie und zahlloser ähnlicher Attribute inmitten einer den Rest der Fußballwelt umspannenden Wüste aus Aggression, Gewalttätigkeit, Verernstung („Beim Fußball geht es um mehr als Leben und Tod“), Einförmigkeit und intellektueller Windstille. Und tatsächlich – wer es wissen wollte, der stellte fest, daß die Fans dieses Klubs (der fußballerisch kaum etwas Nennenswertes zuwege brachte und auch daher den Beobachter regelrecht dazu nötigte, seine Aufmerksamkeit auf außersportliche Belange zu lenken) tatsächlich etwas anders waren als andere. Anders genug, um Werner Skrentny, Herausgeber des Meisterwerkes „Das große Buch der deutschen Fußball-Stadien“ und zweifellos eher an sorgfältiger Recherche als am unkontrollierten Übernehmen irgendwelcher Thesen interessiert, zu einer Abhandlung über das St. Pauli-Stadions mit der Überschrift „Wo Fan-Kultur geboren worde“ zu veranlassen, die zu einem erheblichen Teil nicht allzu strikt beim eigentlichen Thema des Buches bleibt.

    Und selbst heute findet man, sieht man mal ganz genau hin, noch gewisse Unterschiede zwischen den Vorgängen am Millerntor und denen an diversen anderen Orten. Hier wird kein „Arschloch“ beim Verlesen der gegnerischen Mannschaftsaufstellung gerufen (von der anderswo üblichen Würdigung des gegnerischen Torstehers beim Abstoß als Gesäßöffnung, Masturbator und
    Prostituiertennachwuchs ganz zu schweigen). Hier entsteht Stimmung im Stadion, ohne daß dies durch akustische Selbstentstellung im „Hey Baby“/“Hände zum Himmel“-Stil seitens des Stadion-DJs forciert werden muß. Hier gibt es zumindest den Versuch kreativen Supports anstelle stereotyper Klatsch-Armeausstreck-Rituale oder das stolze Präsentieren von Doppelhaltern mit fragwürdigen Motiven (ich frage mich, ob z.B. die Simpsons so viel mehr mit Fuß-, mit -ball, mit Fußball zu tun haben als etwa DJ Ötzi). Zwar gelingen die Aktionen – wie etwa der Luftballon-Protest gegen die DSF-Montagsspiele – nicht immer, aber sie werden wenigstens
    versucht. Und Nazi-Gebrüll gibt es – wie selbst die solchen Erscheinungen eher ausgesetzte Konkurrenz einräumt – am Millerntor auch nicht.

    Die Journaille nahm dieses Anderssein der St. Pauli-Fans dankbar zum Anlaß für das Kreieren wunderschöner Klischees, die zwar nicht völlig aus der Luft gegriffen waren, aber halt doch das Ganze in einer Art und Weise idealisierten, wie sie der Sache im Laufe der Jahre immer weniger gerecht wurde. Und da auch der gemeine St. Pauli-Anhänger – in dieser Hinsicht ist er dann doch nicht so anders – sich ebenso gern wie der der Konkurrenz ab und zu mal in Selbstvergötterung ergeht („Wir machen den tollsten Support von allen“), griff er diese Klischees dankbar auf.

    Irgendwann allerdings muß der Mythos St. Pauli (und wenn es diesen nie gegeben hätte, wäre diese Begriffsbildung nie erfolgt) auch für solche Zeitgenossen interessant geworden sein, die ihn zwar als willkommenes Umfeld, nicht jedoch zwanghaft auf die eigene Art und Weise des Einbringens übertragbar betrachteten. Und so kam es zur Infiltration des Millerntores mit jenen Erscheinungen, für die man andere Klubs gehaßt und für deren Nichtvonstattengehen an heimischer Stätte man St. Pauli geliebt hatte: Bierbecher- und Feuerzeugwürfe auf gegnerische Spieler, primitives „Auf die Fresse“-Gebrüll, Ausschreitungen gegenüber Gästefans (versehen mit „Rechtfertigungen“ wie „die haben beim Hinspiel auch Streß gemacht“) oder auch an Kreativität und Originalität nicht mehr zu unterbietende Gesangsdarbietungen wie „Ostdeutsche Scheiße“, „lila-weiße West-Berliner Scheiße“ oder „Cologne, Cologne, die Scheiße vom Dom“. Man schien
    geradezu bei den Gossenlyrikern der Konkurrenz in Klausur gegangen zu sein.

    Zum Glück gibt es bei St. Pauli auch in Zeiten zunehmender Assimilation an die Zustände in anderen Stadien noch genügend kritische Geister, die all dies nicht unwidersprochen hinnehmen. Und die eine Rückbesinnung auf das einfordern, was St. Pauli vor nicht allzulanger Zeit auszeichnete. Doch eines können auch sie nicht aus der Welt schaffen: Je länger die Zeit
    zurückliegt, in der jene wunderschönen, von der schreibenden Zunft liebevoll gepflegten Klischees vom Millerntor als Hort der fußballuntypischen Glückseligkeit entstanden (und das begann in den
    späten Achtzigern), desto widersinniger ist es, jene Ideale als die absolute Wahrheit zu beschwören.

    So muß es schon verwundern, daß die Online-Abteilung eines großen deutschen Nachrichten- und Schlechtmachmagazins (nichts gegen Schlechtmacherei als solche – was schlecht ist, muß auch schlecht genannt werden dürfen) den Bericht eines Rostocker Ersatzspielers über seine Erlebnisse beim Auswärtsspiel auf St. Pauli an jenen Klischees aufhängt. Es sei denn, die
    Blattmacher wollen auf diese Art und Weise die Diskrepanz zwischen dem in jenen Klischees verkörperten Anspruch und der neuzeitlichen Wirklichkeit vor Ort auf besonders eindringlicheWeise publik machen. Wobei die Frage erlaubt sei, was sie damit letzten Endes erreichen – das Interesse des Lesers an einer qualifizierten, differenzierten Auseinandersetzung mit den
    Vorgängen bei St. Pauli oder eher den Eindruck, es sei mittlerweile das exakte Gegenteil des in jenen Klischees glorifizierten Zustandes gegeben. Schwarzmalerei statt bisheriger Weißmalerei. Die größte Resonanz – wen wundert’s – findet dieser Artikel in den Foren jener Klubs, deren
    Anhänger St. Pauli sowieso nicht unbedingt leiden können (egal, ob ein solcher Artikel nun erscheint oder nicht) und nun ihren kollektiven „Endlich sagt’s mal jemand“-Erleichterungsseufzer in virtuelles Schriftgut gießen.

    Wer – diese Frage möchte der Chronist angesichts all dessen aufwerfen – ist nun der eigentliche Verlierer ? Der Beschwörer jener Klischees oder der, der das exakte Gegenteil all dessen möglichst spektakulär in die Welt hinausgeschrien haben möchte ? Oder nicht doch derjenige, dem es nicht
    reicht, sich für eines von zwei Extremen entscheiden zu sollen, und der lieber Zeuge und Teilhaber einer detailllierten, differenzierten Auseinandersetzung mit den guten und weniger guten Seiten der Fanszene des eigenen Klubs sein möchte ?

    Vermutlich letzterer. Im Fußball interessieren keine komplexen Gesamtbetrachtungen. Hier interessiert nur Gut und Böse. Schwarz und weiß. Wir sind die Guten, und die anderen sind die Bösen. Und wenn sich – oh Wunder – herausstellt, daß auch bei uns irgendetwas nicht in Ordnung
    ist, wen stört’s ? Idioten gibt es überall. Wieso soll ich vor der eigenen Haustür sauber machen, wenn es vor Nachbars Haustür genauso dreckig ist ?

    Schöne einfache Fußballwelt. Naja, einfach zumindest. Und man kann die stadienbevölkernden Protagonisten der wertstiftenden Simplifizierung, der Reduktion des Gesamtszenarios auf die beiden Elementarzustände „gut“ und „schlecht“, nicht einmal zu den Alleinschuldigen erklären. Sind es doch die Vor“denker“ in den Redaktionen der Boulevardblätter und der eher an Quote als an inhaltlicher Substanz interessierten TV-Anstalten, die ihnen dieses – selbst für den merkbefreitesten „Scheiß XY“-Stammler problemlos zu begreifende – duale System kredenzen. Die Medienmacher mögen ihrerseits zu bedenken geben, daß genau das die Perlen seien, die nicht zu schade sind, um vor die betreffenden Säue geworfen zu werden. „Die wollen es ja nicht anders.“ Fußball als Opium fürs Volk, und wem wird schon zugetraut, unter Opiumeinfluß seinen Verstand anzuwerfen. Die Wege, auf denen der Schwarze Peter bei Bedarf zwischen den ideal- bzw. feindbildpflegenden Fans und den hochsterilisierenden Medien hin- und hergeschoben werden kann, sind bekannt und erprobt.

    So wird er wohl lang und mühsam werden, der Abschied vom Klischee. So es denn überhaupt dazu kommt. Allzu verwunderlich ist das alles letzten Endes nicht – warum sollte es ausgerechnet im Fußball, jenem eh nur sehr bedingt mit dem Verstand zu erfassenden Etwas, keine Mechanismen zur Verdrängung der Realität geben ? Schließlich gibt’s sowas woanders auch.

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