Der Traum von der nonkonformen Nonkonformität

8. November 2001 | Von | Kategorie: Kolumne

Von pathos93: Einer der schlimmsten Vorwürfe, denen man sich als Mensch im allgemeinen oder als St. Pauli-Fan im speziellen ausgesetzt sehen kann, ist zweifellos der des Angepaßtseins. Angepaßt an die industrieseitig verordnete Konsum- und Kommerzorientiertheit des beginnenden 21. Jahrhunderts, oder angepaßt an die allseitig eingeforderte political correctness in Fankreisen des FC St. Pauli, oder auch schlichtweg angepaßt an das allgemeine Bestreben nach möglichst plakativer und spektakulärer Unangepaßtheit. Konforme Nonkonformität, wenn man so will.

Besonders schwierig wird diese Gratwanderung zwischen den unterschiedlichen, ja, bei genauer Betrachtung diametral gegensätzlichen Ausformungen der Angepaßtheit, wenn ich mir zum Beispiel die Frage stelle, mit welchem Namen ich meinen geliebten Fußballverein rufen darf. Da sind auf der einen Seite diejenigen, die mit einer Dogmentreue, welche selbst einem Ekel Alfred zur Ehre gereichen würde, darauf bestehen, daß niemals und nirgendwo ein „Pauli“ ohne „St.“ ausgesprochen oder niedergeschrieben werden dürfe und ihre Botschaft mit dem Eiferergeist eines Kenneth Starr bis in die letzten Winkel verbalisierten Fandaseins, bis in die letzte Zeile eines fünfstrophigen Fangesanges hineintragen mit dem Ziel, auch das letzte „Pauli“ ohne „St.“ zwischen Reykjavik und Riad auszurotten. Und da formiert sich auf der anderen Seite – sozusagen als Gegenbewegung – die Menge derjenigen, die nach dem „Scheißegal, scheißegal, scheißegal“-Prinzip (sämtliche After-Match-Kinderchöre nach einem 0:0 in der U3 wären stolz auf sie) die vollkommene Redundanz des „St.“ vor dem „Pauli“ proklamieren.

Und zwischen all dem steht der um vernunftorientierte Bewertung derartiger Vorgänge bemühte Zeitgenosse und weiß nicht, wie er sich die Eskalation, das Ausarten solcher – per se durchaus berechtigter – Stilfragen in ideologisch-verbissene Manifestierung der genannten Extremstandpunkte erklären soll.

Obwohl es Erklärungsversuche zur Genüge gibt. Wer „Pauli“ ohne „St.“ sagt, der – so erfährt man – ist a) kein „echter St. Paulianer“ (die detaillierte Beleuchtung dieses Punktes sei den Heerscharen der ohnehin damit Beschäftigten überlassen) und läßt sich b) seine Terminologie von den Gralshütern glaubwürdigkeitsbefreiter Journaille vorschreiben.

Wobei letzterer Punkt meine fürwahre Verwunderung findet. Aber gut, bei dieser Gelegenheit erfährt man zumindest mal, daß vorzugsweise das Flaggschiff des Springer-Konzerns und der Marktführer hammaburgischen Boulevardgeschreibsels das „St.“ weglassen. War es doch bislang dem Beobachter mindestens in gleichem Maße aufgefallen, daß es u.a. die bis Ende letzter Saison erscheinende Stadionzeitung des FC war, der „pauli“ ohne Heiligungspräfix als Name reichte. Oder daß die seit Ewigkeiten im „Übersteiger“ – höchstderselbst Plattform für eine Umfrage zum Thema „Pauli mit oder ohne St.“ – erscheinenden Comics von Guido Schröter sich mit „Pauli Comix“ – ohne „St.“ – überschreiben.

Aber nein – wer „Pauli“ ohne „St.“ sagt, der offenbart damit keine Zuwendung zur Stadionzeitung oder ÜS-Schlußseite, sondern, daß er Bild und Mopo liest sowie sich deren Flapsigkeit zueigen macht. Nicht allzu glaubwürdig, aber darauf kann halt im Interesse einer möglichst hartnäckigen Dogmenpflege keine Rücksicht genommen werden.

Gleichwohl wäre es wenig fair, inmitten solcher Betrachtungen diejenigen, die ausdrücklich die individuelle Willensbildung eines jeden einzelnen anmahnen, zu vergessen. Nein, viele gestehen mir das Recht zu, selbst zu entscheiden, wie ich’s denn zu händeln gedenke. Und diese Entscheidung fällt rein intuitiv, ohne langwierig über „richtig“ oder „falsch“, „gut“ oder „schlecht“ nachzudenken. Meiner einer findet „St. Pauli“ schöner als „Pauli“. Eine aus dem Bauch heraus entstehende, den Regeln intuitiver Sprachästhetik gehorchende, keinerlei pc-spezifische Erwägungen einschließende Präferenz. Und, was die Erwartungen in Sachen Umsetzung anbelangt, sich auf den Entscheidenden beschränkend. Soll heißen: Wenn jemand anders „Pauli“ ohne „St.“ sagt, so stört mich dies nicht. It’s his words, not mine. Und damit muß auch gut sein, zu mehr reicht mein missionarischer Eifer nicht.

Und irgendwie komme ich mir dabei überhaupt nicht angepaßt vor. Weder angepaßt an die pc-Fraktion, noch angepaßt an deren Gegenbewegung. Andererseits: Muß ich mir ob einer solchen Willensbildung nun unbedingt mega-individuell vorkommen ? Vermutlich eher nicht. Wahrscheinlich bin ich Teil einer schweigenden Mehrheit, die diese Frage ähnlich händelt wie ich, sie aber nicht als wichtig genug erachtet, um sie marktschreierisch in die Öffentlichkeit zu tragen. Also doch angepaßt, wenn auch nicht gewollt und nur bedingt bewußt. Der Traum von der nonkonformen Nonkonformität bleibt ein solcher.

Keine Tags zu diesem Beitrag.

Ein Kommentar
Hinterlasse einen Kommentar »

  1. Danke!

Schreibe einen Kommentar