06.03.1998: St.Pauli besiegt FSV Zwickau mit 3:1 oder der Tod bleibt bestehen

21. März 2002 | Von | Kategorie: Berichte

St.Pauli spielte so wie in den letzten Spielen- eher schlecht als gut (also eigentlich normal grausig(?!?). Es gab recht viele Fehlpässe (auf beiden Seiten), und auch ansonsten klappte spielerisch nicht viel- es war ein typisches 6. gegen Tabellenletzter Spiel. Zwickau bemühte sich, nicht zu früh zurückzuliegen (kämpfte dabei aber zeitweise richtig gut um das erste Tor), St.Pauli wusste (mal wieder) nicht, wie es gegen eine Mauertaktik spielen sollte.

Bezeichnend hierfür ist, dass St.Pauli es erst in der 19. Minute schaffte, sich erfolgreich durch die Zwickauer Hintermanschaft zu kämpfen- und dann durch einen Sololauf von Scherz, einen Doppelpass mit Scharping, durch einen wuchtigen Schuss von Scherz aus 13 Metern mit 1:0 in Führung zu gehen.
Infolgedessen waren die Zwickauer Spieler so verwirrt, dass es drei Minuten später in ihrer eigenen Hälfte einen drastischen Abspielfehler gab, Karaca bekam auf der linken Seite den Ball und spielte ihn in den Strafraum, wo der lungernde Sawitchev diese Hereingabe zwar verpasste, aber der dahinter wartende Scharping braucht aus wenigen Metern nur den Fuss hinhalten, um zum 2:0 einzuschieben.
Kurz darauf verpasste dann noch zweimal Sawitchev per Kopf, das entscheidende 3:0 zu machen, dann ist aber auch schon Halbzeit- mehr passierte in der 1. Hälfte nicht…
Gleich zu Beginn der 2. Hälfte wird Sawitchev von Scharping hervorragend angespielt, scheitert aber freigespielt an den herausstürmenden Zwickauer Keeper- eigentlich hätte er den Ball an diesem nur vorbei ins leere Tor einschieben müssen- entweder durch einen Heber oder eben ausspielen und in die Maschen hauen- klar- als Zuschauer hätte man den wie üblich mitlinks versenkt, aber Juri war wohl arg überrascht, so freistehend vor dem Torwart in Szene gesetzt zu werden.
Derartig ausgelassene Torchancen rächen sich bekanntlich ja meist…
So war es auch diesmal- St.Pauli legte den Schongang ein (man führte zuhauseja schließlich 2:0, was soll da schon noch schiefgehen…).
Leider spielte Zwickau ja mittlerweile gar nicht mehr so wie in der erstenHälfte- sondern stürmte munter drauflos… und dieses wurde in der 59. Minuteauch belohnt- der Zwickauer Danielsson trifft aus 15 Metern zum 2:1Anschlusstreffer.
Nun wurde es also tatsächlich, wieder Erwarten, noch einmal spannend (zumindestvom Ergebnis her, nicht vom Spiel an sich, das blieb nämlich weiterhinschlecht…).
Sollte der Tabellenletzte auswärts ausgerechnet einen Punkt ergattern,und uns damit von den Aufstiegsrängen tatsächlich beinahe hoffnungsloswegkatapultieren? Wer zuhause gegen den Tabellenletzten nur ein Unentschiedenoder gar eine Niederlage erspielt… hätte da oben wohl auch nichts zu suchen-Naja- Mason wurde eingewechselt- eigentlich nur ein absoluter Durchschnittspieler…Wäre da nicht sein ganz starker Auftritt in der 70. Minute gewesen…
Er bekam eine Flanke von Springer auf die Füße- und zog volley ab-mit einer unbeschreiblichen Wucht knallte der Ball zum 3:1 Endstand in dieMaschen- wo nimmt der bloß das Selbstvertrauen her, so eine Flanke mit vollerWuchtin die Maschen zu donnern?
Die Fans jubelten auf.


Cirka 20 Sekunden später schwiegen sie wieder, wie auch bei den beidenToren zuvor.
Deswegen der 2. Teil der Überschrift.
Man könnte in diesem Zusammenhang vom „Friedhof Millerntor“ sprechen.Seitdem es im (Sitzplatz) Block 1 die sogenannte „singing area“ gibt,wo das Anfeuern des Teams laut Eintrittskartenaufdruck vorgeschrieben ist(und auch betrieben wird), herrscht im gesamten übrigen Stadion eineunbeschreibliche Stimmung- nämlich gar keine.
Nach einem Torerfolg wird kurz aufgejubelt, dann wird der Torschützevom Stadionsprecher genannt und von den Stadionbesuchern (ich redeausdrücklich nicht von Fans) mitgeschrieen, darauffolgend, wie in einemRitual, wird für etwa 30 Sekunden irgendwas angestimmt, jeder für sich,alle durcheinander- und danach ist es wieder ruhig im Stadion- und dasist ja auch viel besser so.
Wie sonst sollte man sich mit seinem Nachbarn auch darüber unterhalten,dass Manuel`s Auto geklaut wurde, und das die Reise nach Madrid, die manin einer Woche antritt, ja so geniales Wetter verspräche, man sei frohdarüber, nicht wie ursprünglich geplant, nach Paris gefahren zu sein,denn dort regnet es im Moment… bei derartigen Unterhaltungen würdenirgendwelche krakeelenden Fußballfans nur stören…
Sollte er dennoch versuchen wollen, wie am Spieß rumzukreischen und damit das Team anzufeuern, kippt man ihm halt den halbvollen, mit abgestandenemBier gefüllten Becher ins Gesicht. „Das wird ihn dann schon zum Schweigenbringen.“ Ist ja auch „unausstehlich, neben einem laufend `St.Pauli‘ kreischenden Fußballfan zu stehen, da versteht man ja sein eigenes Wortnicht mehr…“
„Wo war ich steh´n geblieben? Achja, bei dem Wetter in Madrid. Da sind´snämlich im Moment sonnige 26 Grad, und in Paris regnet´s bei 13 Grad. Ey, Scharping… lauf!Nee, da macht man nun ja kein Urlaub. Man braucht- oh man, nun fängt derBengel schon wieder an zu kreischen- wart mal, ich hol mal kurz frischesBier.“ „Ey, Jungspund- kannste nicht mal Platz machen?!? Siehst doch dass ichhier raus will- nun geh schon in die Sandkiste, und kreisch da Dein Förmchenan…“ „So.. bin gleich wieder da, halt kurz mal den Platz frei, Manu!“
[10 Minuten später]
„Hab ich was verpasst? Nee… wohl eher nicht, hätte man ja was gehört- ach,St.Pauli hat inzwischen 2 Tore geschossen? Dachte, das wär nen Foul gewesen..Nee- und die Sehenswürdigkeiten sollen ja so toll sein….“

Es kotzt mich einfach an!

Da geht man ins Stadion, um ein Fußballspielzu sehen, um sein Team anzufeuern- und ist nur von irgendwelchen Typenumgeben, die übers Wetter in Madrid, über Autoklau und Pröppers Palme [sic]reden, die sich teilweise mit dem Rücken zum Spielfeld mit ihren Freundenunterhalten, und die jemanden, der es dann doch mal wagt, sein Team anzufeuern,entweder bloß genervt ansehen, oder schlimmstenfalls mit brennenden Kippen oderBier bewerfen… es scheinen sich in letzter Zeit so einige Leute am Millerntordavon gestört zu fühlen, dass bei einem Fußballspiel auch UnverschämteerweiseFußballfans anwesendsind, die dem Spiel Beachtung schenken, und- oh graus- die das Team sogaranfeuern.
Grausig.. scheiße- Penner, was anderes fällt mir zu solchen Typen echt nichtmehr ein, die zu einem Fußballspiel gehen, und sich durch die restlichen nochanwesenden Fußballfans bei ihren Unterhaltungen gestört fühlen.
Und- nun kommt das, worüber sich einige nun sicherlich aufregen werden-da gebe ich eben dieser singing area eine gewisse Mitschuld. Vor deren Einführung war es so, dass die Fans, die ihr Team unterstützenwollen, im gesamten Stadion vereinzelt zwischen den sich unterhaltenden „Fans“ standen, und sich die „Fans“ daher nicht wirksam gegen diesestörenden Fans zur Wehr setzen konnten (ja, es scheint wirklich so,als wenn Fußballfans bei einem Fußballspiel eine Art Störfaktorwären- sind wir hier beim DFB?!).
Jetzt, wo die Fans, die ihr Team supporten wollen, sich in ihr „Gehege“ im Block 1 zurückgezogen haben, stehen diejenigen, die nicht in diesenSupportersblock stehen wollen, nämlich vereinzelt zwischen den anderen „Fans“.
Und es kann verschiedene Gründe haben, dass sich diese Fans nicht ebenfallszu denen in den Supportersblock gesellen:
Zum einen gibt es die, die es sich finanziell nicht leisten können, zurbereits gekauften Dauerkarte noch zusätzliche 15 Mark bei jedem Spielfür diese Sitzplätze zu investieren. Dann gibt es die, die ihren angestammten Platz nicht zugunsten des Platzesganz am Stadionrand (siehe Stadionübersicht)eintauschen wollen, und lieber dort stehen bleiben, wo sie unter Umständenbereits seit Jahren stehen- wo vor der Einführung der singing area auchnoch andere Fans versucht haben, den übrigen „Fernsehzuschauermob“ zum Mitunterstützen zu bewegen- zu dieser Gruppe zähle auch ich mich- ichstehe seit unzähligen Jahren auf der Gegengeraden- und zwar genau in Höheder Mittellinie- warum sollte ich dann für 15 Mark je Spiel zusätzlichan den Rand der Gegengeraden mit weitaus schlechterer Sicht wechseln?!? Und es mag auch Zuschauer geben, die es generell ablehnen, einenSitzplatzblock zu besuchen, oder die sonstige Gründe haben, nichtin den Block 1 zu wechseln.

All diese Fans sind nun echt am Arsch, wenn es darum geht, ein wenigStimmung zu verbreiten. Es singt keiner mehr mit, die Leute, die frühermitgesungen haben, wenn jemand was angestimmt hat, haben sich nungrößtenteils in den Block 1 verzogen, und sie werden teilweise garregelrecht angemacht, wenn sie dieses versuchen (siehe dieBierbechergeschichte oben, die mir beim Spiel gegen Zwickau passiertist).
Das kann es doch nun wirklich nicht sein, was die Leute im Block 1 nunwollten- die haben sicherlich ihren Spaß, tun was für`s eigene Ego („WIR unterstützen ja unser Team, schaut euch doch mal diese schweigendeMasse da unten an…“), aber wie es den übrigen Fans im sonstigenStadionbereich ergeht, die ihrerseits versuchen, ein wenig Stimmung zumachen, kriegen DIE ja nicht mit- und es trägt ganz sicher nicht dazubei, die Fans wieder zu einer gemeinsamen Macht zu machen, was notwendigist, will man im ganzen Stadion wieder Stimmung haben. Ich würde eher voneiner „Gettoisierung“ der Fußballfans vor den übrigen Zuschauernsprechen. Nebenbei wirkt es absolut lächerlich, auf einen Vorsingermit Megaphon gemeinsam zu antworten- damit macht man sich ja vor denGästefans absolut lächerlich- drei große Flaggen und ein Megaphon,das in einem geschlossenen Stadionbereich zum vorsingen genutzt wird,können es sicher nicht sein, was die Gästeteams früher mal (jaja,die guten alten Zeiten, aber irgendwas muss wohl dran sein…) mitbereits durchgeschwitzten Trikots auflaufen lies…

Ich sehe daher das Experiment „singing area“ als gescheitert an- warein lohnenswerter Versuch, hat aber leider genau das Gegenteildessen bewirkt, was es bewirken sollte. So merkwürdig das nun auchklingen mag- aber es sieht fast so aus, als töte eine als singing areaausgewiesene Ecke im Stadion jegliche Versuche, außerhalb dieses Bereichs eine Unterstützung anzufachen.

Singingarea off = Friedhof Millerntor off

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