LR Ahlen – FC St.Pauli 3:6

21. März 2002 | Von | Kategorie: Berichte

Unheimliche Euphoriewelle nach 6:3- Sieg in Ahlen
Nachdem St.Pauli mit einem 6:3- Auswärtssieg in Ahlen in die Saison gestartet ist, schwappt eine riesige Euphoriewelle durch die Fanszene. Einige reden schon wieder ganz unverhohlen vom jetzt beginnenden Kampf um die Aufstiegsplätze. Dieses halte ich für gewissermaßen gefährlich.

St.Pauli ist so gut wie seit Jahren nicht mehr in die Saison gestartet. Einen ähnlich hohen Sieg gab es zuletzt in der Saison 1995/96, als man zuhause als Aufsteiger 1860 München mit 4:2 vom Platz fegte, oder 1987, als man im ersten Spiel in Solingen mit 3:0 gewann. Ansonsten startete St.Pauli in den letzten Jahren traditionell durchwachsen in die Saison- wenn es nicht gerade ein glückliches Unentschieden gab, setzte es im ersten Spiel einer Saison auch gerne mal eine deftige Niederlage. Gepflegte Unentschieden waren die häufigste Variante des Spielausgangs beim ersten Spiel einer Saison. Gepflegte Langeweile. Ganz anders dieses Jahr. Ein 6:3- Auswärtssieg- sowas hat man lange nicht mehr erlebt- dieses Spiel wird jedenfalls in die Historie des Vereins (wenn nicht gar der Bundesliga) eingehen.
Man muss sehr weit zurückblicken, um überhaupt derartig torreiche Spiele beim FC St.Pauli finden zu können. Da soll es (laut Kicker, ich selbst habe da noch nicht einmal an St.Pauli gedacht…) am 13.11.1987 mal einen 6:0- Auswärtserfolg in Oberhausen gegeben haben. Dann gab es am 8.12.95 das Auswärtsspiel (letztes Hinrunden- Spiel) beim KFC Uerdingen, welches wir mit 5:2 gewannen. Oder das Spiel, was den VfL Bochum zum UEFA- Cup- Teilnehmer machte (24.5.97), welches wir in Bochum mit 6:0 verloren (aber ohnehin bereits abgestiegen waren), oder aber das 4:4 am 23.8.96 zuhause gegen Schalke. Allesamt auf ihre eigene Weise legendär gewordene Spiele, von denen man sich noch heute gerne erzählt. Weitere Spiele, die einen ähnlichen Ausgang hatten, fallen mir jedoch nicht ein… Aber ein 6:3, ein Spiel mit 9 Toren (man muss es immer wieder sagen, um es selbst glauben zu können), so etwas hat es nicht gegeben.
Fangesang SPITZENREITER, SPITZENREITER, HEY, HEY! Nun wird man also auch jenen 6:3-Auswärtssieg in Ahlen am 12.8.2000 in die Spiele, die man nie mehr vergessen wird, einreihen können, einreihen müssen.
6:3 gewonnen, im ersten Auswärtsspiel einer Saison- hatten jemals (von wir mag ich augrund meines Alters nicht sprechen) St.Paulifans ein derartiges Hochgefühl, mit einem solchen Spiel in eine neue Saison starten zu können? Wie gesagt, mir ist nichts derartiges bekannt.

Spitzenreiter! Spitzenreiter, hey, hey!

Was für ungewohnte Töne. Letzte Saison irgendwann um die 93. Minute im letzten Spiel erst den Verbleib in der jetzigen Klasse gesichert, um dann im nächsten Pflichtspiel auswärts mit 6:3 die Tabellenführung zu übernehmen- mit einem Team, was aufgrund des kleinsten Saisonetats aller Zweitligisten (selbst die meisten Regionalligisten haben einen höheren Etat) von nicht wenigen als Absteiger Nr. 1 bezeichnet wurde. Ein legendär gewordenes Spiel, von Ahlen (gab es da außer Weiden und Felder eigentlich sonst noch was?) werden wir noch unseren Enkeln erzählen können, direkt im Anschluss an den 1:0- Auswärtssieg gegen Bayern München…
Nun- St.Paulis Fans schweben auf Wolke sieben. Und diese Euphorie wird ins erste Heimspiel hinübergezogen. Die Fans stürmen das Millerntor, die Zuschauer- Bestmarke der letzten Saison (lässt man das letzte Spiel, welches natürlich ausverkauft war, außen vor), was die Anzahl der Zuschauer betrifft, wird gebrochen werden. 15.000 Karten sind im Vorverkauf bisher abgesetzt, das ist wie zu besten Bundesligazeiten. Je nach Wetter kann es auch durchaus ausverkauft (20.725 Zuschauer) sein, momentan rechnet man mit über 18.000 Zuschauern. Es sind vor dem ersten Heimspiel bereits mehr Dauerkarten als zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison verkauft worden. Und das, obwohl den Fans diese letzte Saison noch gut im Gedächtnis sein müsste, die spielerisch und auch von den Ergebnissen her mit die schlechteste Saison in den letzten 15 Jahren war. Alles vergessen, was zählt ist das aktuelle. St.Pauli führt durch den höchsten Auswärtssieg der letzten 13 Jahre die Tabelle an, und erwartet nun die ebenfalls gut gestartete Waldhof aus Mannheim. Auflaufen wird- mit Ausnahme der Verletzten- das gleiche Team, welches sich durch dieses Spiel eine Legende erschaffen hat. Angefeuert wird es durch eine enthemmte Masse, die teilweise schon damit liebäugelt, es dem legenderen Team von Ende der 80er Jahre gleichzutun und mit einem NoName- Team aufzusteigen- es wäre natürlich geil, und ich träume natürlich auch davon- aber ich werde einen derartigen Gedanken niemals aussprechen (höchstens schreiben, grins). Zu sehr ist mir noch in Erinnerung, wie oft St.Pauli nach einem hervorragenden Spiel im nächsten Spiel total untergegangen ist, zu oft war es so, dass St.Pauli in entscheidenden Spielen „versagt“ hat, total gehemmt war- und das nächste Spiel ist wieder so ein entscheidendes Spiel.
Gewinnt das Team auch dieses Spiel- ja, dann könnte die Euphorie tatsächlich ganze Berge versetzen, und dann ist sicherlich vieles (oder noch mehr) möglich. Spielen sie morgen allerdings Unentschieden, oder verlieren gar, wird es eine Saison wie jede andere auch (sach ich mal…), wo St.Pauli teilweise bei einzelnen Spielen über sich selbst hinauswuchs, um im nächsten Spiel wieder unterzugehen. Man sollte sich jedenfalls davor hüten, noch gänzlich abzuheben (und vom Aufstieg zu reden ist ein Abheben!), da besitzt ein einziges Spiel gegen einen Aufsteiger, der nur Luft für 75 Minuten hatte, einfach zu wenig Aussagekraft für.
Was ich (neben vielen St.Pauli- Toren) beim letzten Spiel aber gesehen habe, war eine teilweise arg amateurhafte Abwehrarbeit (die im Sturm anfing). Wenn ein Aufsteiger gegen ein angebliches Herzstück eines Teams (unsere Abwehr) 3 Tore schießen kann, besteht noch viel Arbeit- wie mag es da gegen stärkere Teams aussehen, die nicht in der 75. Minute einbrechen?
Ich jedenfalls lasse mich überraschen- gerne auch positiv (wie wäre es beispielsweise mit einem weiteren 6:3, diesmal zuhause gegen Mannheim? Nein, ich bin nicht euphorisch, wirklich nicht…)
Aber man wird wirklich erst die ersten fünf, sechs Spiele abwarten müssen, wie sich das Team weiter entwickelt. Schön wäre es übrigens, wenn auch so viele Fans zu einem Auswärtsspiel fahren, wenn die Fahrkarte nicht nur 5 oder 15 DM kostet- ich würde gerne mal wieder mit einem Sonderzug fahren- Gruppenreisen mit 20 weiteren Auswärtsfahrern sind doof! Retten wir doch einfach die Euphorie, die an und für sich ja nichts negatives ist, in die restliche Saison hinüber!

Viva St.Pauli, werdet Legenden!

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