Rückblick HRO-FCB-S04

16. Februar 2002 | Von | Kategorie: Kolumne

Was für eine Woche! 3 Fußballspiele innerhalb von 7 Tagen und die Erkenntnisse, die sich aus zweien ergeben haben, gehen ganz schön an die Substanz, sowohl physisch, als auch psychisch.

Alles begann am letzten Sonntag. Bislang habe ich Auswärtsfahrten in die „neuen Länder“ und zu anderen kritischen Spielstätten immer gemieden, weil ich zum einen keine Lust habe, mich zu prügeln und meine Zeit als sprintstarker, ausdauernder Leichtathlet zum anderen seit langem vorbei ist. Da es aber im Dezember in Berlin (quasi meine „Testfahrt“) friedlich geblieben war und sich in Rostock wohl in den letzten Jahren auch einiges geändert hat, beschloß ich, mich dem Troß der gut 600 St. Paulianer anzuschließen, die sich per Wochenendticket auf den Weg in die nordöstlichste Hansestadt machten.

Die Hinfahrt gestaltete sich zwar recht ungemütlich (zwischen Lübeck und Rostock mit 9 Leuten zwischen zwei Waggons zu stehen kann nicht wirklich als komfortabel bezeichnet werden), aber die Stimmung bei mir und meiner näheren Umgebung war durchaus gut. Das änderte sich jedoch schlagartig, als wir in HRO aus dem Zug stiegen: Aus unseren Reihen ertönten zahlreiche Gesänge wie „Ich kann nix, ich bin nix, gebt mir eine Uniform“ oder „Alle Bullen sind schwul“.
Mal ganz abgesehen davon, daß letzterer nun so gar nicht zum „offiziellen“ St. Paulianischen PC- Grundkonsens passen will, halte ich es für ein Unding sondergleichen, Leute anzupöbeln, die nicht weiter tun als ihren Job. Zumal dieser in diesem Fall darin bestand, uns vor den bösen Rostockern zu schützen und zudem verdammt gut erledigt wurde (die komplette Organisation war beinahe perfekt).
Meinen ersten richtigen Wutanfall bekam ich, als ich Zeuge wurde, wie einer unserer Jungintellektuellen einem Fernsehteam das Verhältnis unseres Clubs zu Hansa erklärte: „Rostock ist rechts und St. Pauli ist links.“ (O-Ton). Als vor dem Stadion (das übrigens, abgesehen von den wenigen Stehplätzen, bei weitem nicht so schlimm aussieht, wie es im TV rüberkommt) dann noch ein Bekannter eines meiner Mitreisenden erzählte, daß im Zug irgendwelche zugestiegenen U-16- Kiddies von St. Paulianern massivst bepöbelt worden sind, war meine Laune auf einem vorläufigen Tiefpunkt angelangt.

Das Spiel war dann auch nicht unbedingt dazu angetan, meine Stimmung im positiven Sinne zu beeinflussen. Eine Viertelstunde vor Schluß fingen im Nebenblock diverse (größtenteils aus Berlin und dem ländlichen Mecklenburg-Vorpommern angereiste) Spaßvögel an, zu randalieren und Drohgebärden auszustoßen. Dank des Einsatzes von Polizei und BGS blieb es jedoch dabei. Nach dem Spiel, auf dem Weg zu den Shuttle-Bussen, flogen von besagten Hohlköppen noch einige Wurfgeschosse, was einige unserer ach so friedlichen Fans zum Anlaß nahmen, ihrerseits Gegenstände zu werfen und die physische Konfrontation mit den Ordnungshütern zu suchen.
Auf der Rückfahrt zum Bahnhof wurde unser Bus dann noch von verschiedenen Passanten, die dem Äußeren nach (gutbürgerlich gekleidete Endvierziger) wohl nicht den Standard- Arbeitslosen- oder Asiklischees zuzurechnen waren, mit erhobenen rechten Arm verabschiedet. Wenigstens hat sich so ein Vorurteil gegen Rostock bestätigt. Als im Zug dann noch die Notbremse gezogen und einige Scheiben eingeschlagen wurden, habe ich mich beinahe endgültig vom (zwar von mir kritisch betrachteten, aber dennoch gerne angenommenen) Klischee der friedfertigen, immer feiernden St. Paulifans verabschiedet. Daß ich 16jährigen Fans eines Gegners extra sagen muß, sie könnten sich ruhig auf freien Plätze unseres Abteils setzen, ist mir noch nie passiert und hat mich zutiefst erschüttert.

Wieder in Hamburg, mußten zwei Freunde von mir, die das Spiel am Fernseher verfolgt haben, erstmal in meiner Stammkneipe aktive Sozialarbeit leisten und sich das oben noch relativ zurückhaltend formulierte in mindestens dreifacher Ausfertigung anhören (wenn ich aufgebracht und nicht mehr so ganz nüchtern bin, neige ich zu Wiederholungen). Daß es mir Montag noch ziemlich beschissen ging, lag wohl auch nicht nur an dem monströsen Katzenvieh, das ich mir angesoffen habe.

So, (vor)erst einmal genug schlechte Erinnerungen von der Seele gekotzt: Der 6.2.2002 war der bislang größte Tag meiner bisherigen Fankarriere. Die Bayern am Millerntor geschlagen, und das noch nicht einmal glücklich, sondern hochverdient, weil kämpferisch und spielerisch überlegen. Ich war SOO stolz auf meine Jungs! Auf jeden einzelnen von ihnen! Es hätte nicht viel gefehlt und ich hätte ein paar Freudentränen vergossen. Allein dieser Tag hat den Rest der Saison vergessen gemacht. Wenn sie jetzt absteigen (und das werden sie wohl), ist es mir egal.
Daß die Stimmung im Stadion während des kompletten Spiels unbeschreiblich war (die Kinnladen der Bayernfans sind reihenweise der Erdanziehungskraft erlegen), bedarf keiner besonderen Erwähnung, aber daß der komplette Stadtteil in einen derartigen Zustand der „Europhie“ verfällt…

Es war einfach unbeschreiblich! Der vorangegangene Sonntag war völlig aus meiner Erinnerung getilgt, doch dann kam der Samstag…
6000 Hamburger in 2 Sonderzügen und diversen anderen Verkehrsmitteln machten sich auf, die Mannschaft des FC St. Pauli in Gelsenkirchen zu unterstützen und/oder die Schalke-Arena zu besichtigen. Um es vorwegzunehmen: Der positivste Moment des Tages war das Wiedereintreffen in meinen 4 Wänden.
In unserem Sonderzug fielen auf der Hinfahrt schon diverse Gestalten (von einem Mitreisenden „Fanclub braun-weiße Primaten“ getauft) auf, die mit Sprüchen und Gesängen der alleruntersten Kategorie auf sich aufmerksam machten. Daran, daß die Toiletten nach den ersten 200 Kilometern nur noch für Hartgesottene tolerabel sind, hat man sich ja im Laufe der Jahre schon gewöhnt (ich war mal wieder sehr glücklich, daß ich diese stehend benutzen kann), aber daß Leute, denen die Schlange zu lang ist, völlig ungeniert die Waschräume zu urinalen Zwecken mißbrauchen, war mir neu.
In den Schuttle-Bussen gingen die üblen Sprüche weiter, einigen hielten dagegen und die Stimmung wurde zunehmend aggressiver, was sich im Stadion in mehreren kleinen Schlägereien entlud. Bei einer wurde nach Aussagen zweier Mitreisender sogar ein kleines Kind in Mitleidenschaft gezogen. Auf der Rückfahrt wurde das Niveau noch weiter gesenkt, obwohl ich das bis dahin für unmöglich gehalten hatte. Unsere Gang war sich daher auch einig, daß dies für uns vorerst die letzte Fahrt mit einem Sonderzug war und die nächsten Auswärtsfahrten (Dortmund, Köln und Bremen) wohl mit dem Auto oder einem IC getätigt werden.

Als ich heute in unserem Forum vorbeigeschaut habe, glaubte ich, meinen Augen nicht zu trauen; wenn die Nachricht nicht von unserem Fanbeauftragten gepostet worde wäre, hätte ich sie nicht geglaubt: Im zweiten Sonderzug wäre fast jemand zu Tode gekommen. Irgendeine kranke Mistsau hat zwischen zwei Waggons die Bodenplatten aufgeklappt und ein Fan ist ins Leere getreten und kann von Glück sagen, daß jemand anderes direkt hinter ihm ging und ihn gerade noch festhalten konnte, so daß er nur Schürfwunden und einen Schock davongetragen hat. So eine Aktion ist durch absolut nichts zu entschuldigen, der Typ gehört eingeknastet.

Spätestens seit heute weiß ich, was Hornby gemeint hat, als er schrieb, Besessene hätten keine Wahl. Ich werde weiter zu Fußballspielen gehen und auch das eine oder andere Auswärtsspiel mitnehmen, aber so macht das alles keinen Spaß.
Unsere Fanszene kotzt mich an. Ich bin einfach nur maßlos enttäuscht, vor allem, weil ich weiß, daß es sich nicht nur um wenige Idioten handelt, eine Ausrede, die sonst nicht nur mich negative Begebenheiten im Unfeld eines Spiels relativ schnell vergessen läßt.

Noch kurz zum Schalke-Stadion und zur Organisation in Gelsenkirchen: Die Arena ist zwar nicht meine Sache (zu groß, eine Halle, trotz des geöffneten Dachs und zu viele Sitzplätze), aber bei weitem nicht so schlimm wie der HSV-Bunker. Die Organisation war unter aller Sau: Die ca. 1000 Mitfahrer unseres Sonderzuges wurden vor dem Bahnhof in Busse gepfercht, was ja mittlerweile fast normales Prozedere ist. Aber anstatt die Busse losfahren zu lassen, wenn sie voll sind, wurde gewartet bis alle voll waren, um dann im Konvoi mit Polizeibegleitung zum Stadion zu fahren, damit auch alle 1000 Leute zur selben Zeit vor den 4 ca. 80 cm breiten Gästeeingängen warten. So vergingen dann von der Ankunft des Zuges (14 Uhr) bis zum Erreichen des Platzes 1,5 Stunden: Beim ersten Blick auf das Spielfeld wurde gerade angestoßen. Weiterhin ist der Stehplatzblock zu klein, zumindest gemessen an der Anzahl der verkauften Karten. Ich vermute mal, daß bei der DFB-Genehmigung der Mittelgang mitgerechnet wurde, der aber während des Spiels frei bleiben muß. Ich möchte mir nicht vorstellen, was dort passieren kann, wenn mal eine Panik ausbrechen sollte, zumal der Block nur einen Ausgang hat und auch Richtung Spielfeld keine Fluchtmöglichkeit vorhanden ist (Plexiglaswand, Höhenunterschied).
Die Preispolitik beim Catering ist ebenfalls eine Unverschämtheit: Man zahlt in der Arena mit der hauseigenen Währung, dem „Knappen“ (= 1 €). Vor dem Erwerb eines Getränks oder Snacks muß man also eine Knappenkarte für 10 oder 20 € erwerben. Die Preise sind allerdings so gehalten, daß man immer mindestens einen Euro Restguthaben auf der Karte hat. Zwar kann man dieses zurücktauschen, aber der Andrang wird wohl die meisten davon abhalten. Die Sympathien, die der FC Schalke bei mir gewonnen hat, als der zweite Vorsitzende bei meinem Vater angerufen hat, um sich persönlich für einige Mannschaftsfotos und Autogrammkarten aus den 40ern und 50ern, die aus dem Nachlaß meiner Großtante stammten, zu bedanken, die Vattern dem Schalke-Museum gestiftet hatte, hat er innerhalb von 2 Stunden wieder verspielt.

2 Kommentare
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  1. hmmmmmmm *grummel*
    was du da schreibst ist echt heftig …
    gut ich hatte den Vorteil(?) nie mitm Sonderzug unterwegs zu sein weil ich aus WÜ komme und somit keine möglichkeit habe mitm SZ zu fahrn (ausser ich fahr erstma nach HH und dann weida – was auch kaum n umweg wär 😉 ) aber bislang waren eigentlich die fans innen zügen äusserst fair und friedlich
    … was von denen im Stadion nich immer behauptet werden kann
    da kommem echt oft schomma so sprüche wie die die du beschrieben hast oder noch krasser und manchma frag ich mich – warum der *linke* auch oton FCSt.Pauli – solche idiotenfans die vom outfit ja noch einigermassen links einzustufen – aber vonner fresse her teils krasse faschosprüche loslassen und ihre eigene dummheit und intoleranz gar net bemerken – verdient hat
    Naja – ich liebne den FC und das werden auch solche deppen nich ändern – auch wenns manchma traurich stimmt

  2. Da find ich Rostock doch vom feinsten 🙂

    Servus

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