Bericht vom Fanclub – Sprecherrats – Stammtisch

23. März 2004 | Von | Kategorie: Kolumne

Vorab: Man möge meinen Schreibstil entschuldigen, ich befinde mich momentan in einer Stimmung zwischen völliger Ungläubigkeit, Entsetzen und Lachkrampf…
Ferner ist es natürlich möglich, dass ich Einzelheiten nicht ganz fehlerlos wiedergebe, ich schreibe aus dem Gedächtnis, Notizen habe ich mir keine anfertigen können. Und natürlich schildere ich natürlich nur meinen eigenen Eindruck, andere Berichteschreiber hatten möglicherweise einen anderen. Ich bin nüchtern, aber nicht bei klarem Verstand (sondern völlig verwirrt ob dieser unglaublichen Vorgänge im FC St.Pauli).

Kurz zusammengefasst:
Corny Littmann dreht (mal wieder) sein Fähnchen in die Richtung, aus der der geringste Gegenwind kommt. Corny Littmann scheint des weiteren einen etwas seltsamen Stil zu pflegen.

Und das ganze „etwas“ ausführlicher:
Kurzer Zeitsprung – am letzten Samstag gegen 13 Uhr, also eine Stunde vor Anpfiff, wird der Sprecher vom Fanclubsprecherrat (was für ein Satz) von Littmann in die Geschäftsstelle zitiert. Grund hierfür: Die (hier schon bekannten) Flugblätter, welche vom Fanladen und Fanclubsprecherrat unterschrieben und vor dem Stadion verteilt werden, und hier insbesondere folgender Satz: „Das Präsidium unseres Vereins hat willkürlich und ohne Grundlage Stadionverbote ausgesprochen.“ Littmann soll sich wahnsinig über das „willkürlich“ aufgeregt und herumgeschrien haben. Als dann der Fanclubsprecherratssprecher (urghgs, schon wieder dieses Wort) endlich mal – schreienderweise, denn sonst hätte er sich nicht verständlich machen können – zu Wort meldete und nach den Begründungen fragte (da sie nach Auffassung von Littmann ja nicht willkürlich seien), erhielt er die hier ebenfalls schon bekannte Antwort, diese beruhen auf polizeilichen Erkenntnissen.

Wiederum auf die Nachfrage, welche Erkenntnisse dieses denn seien, seien zum Beispiel Beamtenbeleidigung, Landfriedensbruch und änliche „demotypische“ Delikte aufgezählt worden.
Landfriedensbruch erhält man, wenn man einen Platzverweis nicht befolgt, dann erhält man noch einen weiteren, zweiten Platzverweis, und anschliessend ist es dann Landfriedensbruch, wenn man sich nicht umgehend entfernt hat. Also ein sehr schweres Verbrechen 😉 – und wie leicht man der Beamtenbeleidigung bezichtet werden kann, dürfte ja noch eher bekannt sein…

Auf den Einwand, dass diese Vergehen ja nun nicht direkt im Zusammenhang mit Fussballspielen stehen würden, sondern eben eher demotypisch seien, sei von Littmann argumentiert worden, dass auch derartige Delikte dem Ansehen des Vereins schaden würden, und daher ein örtliches, zeitlich befristetes Stadionverbot angemessen sei.

Daraufhin kam dann die Rede darauf, wie diese Stadionverbote denn nun ausgesprochen wurden, also wie die Umstände waren, die letztlich dazu führten.
Hier soll die Polizei auf den Verein zugekommen sein, und diese Stadionverbote eingefordert haben. Hierzu ist natürlich festzustellen, dass die Polizei sowas natürlich gerne fordern kann, der Verein aber keineswegs gezwungen ist, das dann auch entsprechend umzusetzen, ganz im Gegenteil, eigentlich sollten diese Forderungen nur Empfehlungen darstellen.

Konkret wird durch die Polizei die Lage so eingeschätzt, dass etwa ein Personenkreis von 50 Fans der ca. 200 – Personen starken USP – Gruppe als problematisch einzuschätzen sei. St.Paulis problematisches Fanumfeld hätte sich in den letzten Monaten massiv verstärkt, so seien bis vor einem Jahr laut einer Kleinen Anfrage eines GAL – Bürgerschaftsabgeordneten lediglich etwas über 200 in Hamburg lebende Fußballfans aktenkundig in der Datei Gewalttäter Sport gewesen, davon – ich glaube es waren 38 – St.Paulifans. In den letzten Monaten hätte sich jedoch die Zahl der dort vermerkten St.Paulifans verdoppelt.
Nun sollte hier ja bekannt sein, wie man in diese Datei hineingelangen kann: Evtl. halt durch eine Beamtenbeleidigung, wenn man dabei einen St.Paulischal trägt (womit dann der Fußballzusammenhang hergestellt wäre…), oder wenn man sich regelmäßiger in der Nähe von polizeilich entsprechend bekannten Personen aufhält… Insofern ist diese Zahl natürlich seit jeher ohne jede Aussagekraft, was tatsächliche Problemfälle (bzw. was man als Fan als Problemfall ansehen würde) angeht.

Nun, jedenfalls wurde wohl recht massiver Druck auf den Verein ausgeübt, diese 6 Stadionverbote zu verhängen, und Corny hat die dann entsprechend abgenickt. Nebenbei schimmerte dann noch durch, dass unser Sicherheitsbeauftragte und für solche Fälle zuständige (eben Sven Brux) bei der Hamburger Polizei alles andere als einen guten Leumund genießt, was seine Arbeit angeht – vielmehr sah es wohl so aus, dass Sven zunächst bei der entscheidenden Sitzung, die zu diesen Stadionverboten führte, auf Wunsch der Polizei ausdrücklich nicht erwünscht sei, da es sich bei diesem Gespräch nicht um die „übliche Sicherheitsbesprechung“ (wie vor jedem Heimspiel) handelte und es angeblich nicht sein Aufgabengebiet sei.
Schließlich wurde er dann aber wohl doch hinzugeholt, und Corny sagte Sven fortan seine verstärkte Unterstützung zu (wäre ja auch noch schöner, wenn die Polizei auch noch festlegen könnte, wer Sicherheitsbeauftragter sein darf).

Gut, kommen wir zur heutigen Sitzung zurück:
Nun, und dann wurde Corny halt mal erklärt, wie das mit den Stadionverboten eigentlich funktionieren würde 😉 und wie das beim FC St.Pauli bisher gehandhabt wurde. Der Fanclubsprecherratssprecher zeigte sich zunächst von Littmanns Gesprächseröffnung erstaunt, hatte er doch eigentlich eher mit einer Fortsetzung des „Gesprächs“klimas vom letzten Samstag gerechnet – aber Corny räumte wohl recht schnell ein, dass er offenbar einen Fehler gemacht und die Reaktionen der Fanszene unterschätzt hätte.

Er hätte zwar mit Reaktionen der Fans auf die erteilten Stadionverbote gerechnet, allerdings nicht in einer derartig massiven Form wie diese bereits beim Kielspiel eingetreten und in den folgenden Tagen fortgesetzt worden seien.
Er räumte diesen Fehler ein, und bat um die Ausarbeitung einer besseren Vorgehensweise bei zukünftigen Vorfällen dieser Art.
Hier – so der Fanclubsprecher – hätte er dann scheinbar die bereits nach dem Hinspielderby am Millerntor ausgesprochenen Verweise bzw. das Vorgehen bei diesen bereits vergessen gehabt, anders könne er es sich nicht erklären, wieso dort die „St.Paulianische Vorgehensweise“ (erst Gespräche mit den Beteiligten, dann Beratschlagen, nicht zwingend Stadionverbote, sondern auch mal „streichen der Gegentribüne“ oder „Rasenmähen“) durchgeführt worden seien und nun plötzlich sich davon abgewendet worden sei.

Morgen sollen sich dann die von den Stadionverboten betroffenen im Verein melden, dort werde dann ein Gesprächstermin noch vor dem nächsten Heimspiel abgemacht, an dem Heiko vom Fanladen, die vom Stadionverbot Betroffenen sowie Sven Brux als Sicherheitsbeauftragter teilnehmen werden (also nicht die Polizei, und auch nicht Littmann selbst) – also so, wie es bisher eigentlich vor Erteilung eines Stadionverbotes bei St.Pauli gängige Praxis war und bundesweit auch bei den anderen Vereinen eingefordert wurde.

Durchklingend konnte man bereits heute vernehmen, dass wohl mindestens ein Stadionverbot weiterhin bestehen bleiben wird, über die übrigen 5 werde aber noch ausgiebigerer Gesprächsbedarf bestehen (natürlich wird auch mit dem 6. dennoch gesprochen). Bis zu einer endgültigen Entscheidung nach den Gesprächen bleiben die 6 Stadionverbote jedoch weiterhin bestehen (und zumindest meine Seite dementsprechend vom Netz- was nach den Gesprächen passieren wird, weiss ich noch nicht, denn die grundsätzliche Praxis von Littmann bleibt auch weiterhin äusserst fraglich).

Ferner wollen sich im Laufe des morgigen Tages diverseste Vereinsgremien (Aufsichtsrat, Fanladen, Fanclub – Sprewcherrat, Präsidium etc.) zusammensetzen, um an einer gemeinsamen Erklärung zu arbeiten – damit der Protest möglichst schnell abebbt und der Fokus wieder aufs sportliche gelegt werden kann.
Inwieweit der Fanclubsprecherrat der gemeinsamen Presseerklärung noch eine eigene Info nachschieben möchte, werde sich erst dann zeigen, nachdem die zunächst vom Pressesprecher/ Medienkoordinator des Vereins (Hawerkamp?) formulierte und anschliessend von den anderen Gremien „korrekturgelesene“ gemeinsame Presseerklärung herausgeschickt sei.

Noch heute Abend traf bzw. trifft (seit 20 Uhr) sich eine weitere Gruppe (ständiger Fanausschuss), um ebenfalls über diesen Vorfall zu beraten. Genauere Aufgabenstellung ist mir z.Z. nicht bekannt.


Insgesamt wirkt das ganze für mich echt so, als wenn Littmann den Protest und die Solidarisierung der Fanszene gegen diese Stadionverbote schlichtweg komplett falsch eingeschätzt hatte – aber das zeigt nur ein weiteres Mal ein bei Littmann bekanntes Problem auf: Er muss erst in ein Fettnäpfchen treten, dann von Leuten auf seinen Fehler hingewiesen werden, bevor er sich mit den Folgen seines Handelns auseinandersetzt, bzw. bevor er sich in die Thematiken, mit denen er sich beschäftigt, tatsächlich „einliest“.

Der „Fanpräsident“ scheint von der Fanszene, von den Arbeitsabläufen und den Vorgehensweisen im FC St.Pauli nur eine sehr eingeschränkte Kenntniss zu besitzen – insofern ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis er sich ein weiteres Mal verrennt.
Das eigentliche Problem dabei ist lediglich, dass er sich bei jedem weiteren Male ein Stückchen weiter zu verrennen scheint – das fing schon bei der Retterkampagne an (Verkauf der TShirts ausgerechnet bei McDonalds, Verkauf von Dauerkarten ausgerechnet vom größten Idol des Lokalrivalens), und setzte sich bei diversen anderen Sachen fort (Satzungsunkenntniss bei Transfergeschäften – die Pflicht, den Aufsichtsrat bei Transfers, die eine bestimmte Summe übersteigen, im voraus zu informieren, und endet halt dabei, dass die Betroffenen nicht im voraus zu drohenden Stadionverboten angehört werden.

Für mich ist ein derartiger Vorprescher nicht geeignet, einen in seiner Fanstruktur nicht ganz normalen Fußballverein zu leiten.
Das Eingestehen von Fehlern ist eine tolle Eigenschaft – wenn diese jedoch zur Regel wird, fängt sie an zu stören.

Mein Vertrauen in den Präsidenten Littmann ist nachhaltig zerstört und lässt sich auch nicht durch ein wie jetzt praktiziertes Zurückrudern, wenn der Gegenwind zu stark wird, kurz- oder mittelfristig wieder herstellen.

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