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St.Pauli: Phänomen, Mythos, Kult, einmalig, anders. Nur warum? Warum ist dieser Verein so einmalig, was macht den Mythos aus?

Sicher spielen da viele Faktoren eine Rolle. Das kleine, reine Fußballstadion mit der
prächtigen Stimmung, das Underdog-Bewusstsein, der sensationelle Aufstieg in
die Bundesliga 1988 mit anschließender dreijähriger Zugehörigkeit in
derselben, die zahlreichen Fans bei Heim- und Auswärtsspielen, die
vermeintlichen Kultfiguren (Ippig, Thomforde, Trulsen etc.), die
unvergleichliche Lage mitten in einem der berühmtesten Stadtteile der Welt.

Doch wenn man ehrlich ist, trifft alles – bis auf die Lage vielleicht – auch auf andere
Vereine zu, wirklich einmalig ist das alles nicht. Wenn, ja wenn sich am
Millerntor nicht eine Fankultur entwickelt hätte, die es in dieser Form
wirklich nicht noch einmal gibt. Und dieser Fankultur verdankt der Verein
letztlich seinen Status und seine Popularität.

Bevor diese Entwicklung ihren Lauf nahm, war der FC St. Pauli ein Verein wie jeder
andere. Mit geringen Zuschauerzahlen, mit Fans, die sich genauso daneben
benahmen wie die der anderen Clubs auch, mit einem Bekanntheitsgrad, der in Fußballdeutschland
gen null tendierte und einer Popularität, die im Vergleich zum Club mit den
drei Buchstaben fast schon irrelevant war, ungefähr auf einer Höhe mit
Barmbek- Uhlenhorst oder Hummelsbüttel. Jeder, der sich Anfang der 80er Jahre für
Fußball interessierte, wird das bestätigen. Ich persönlich beispielsweise,
als rund 11 Jahre alter junger Stellingen- "Fan", kannte den FC St.
Pauli (noch!) gar nicht. Erst als St. Pauli in der zweiten Liga recht
erfolgreich kickte, wurde ich aufmerksam, besuchte die ersten Spiele und fand
die Atmosphäre beeindruckend. Doch wirklich umgehauen hat mich die Erkenntnis,
dass es hier Leute gab, die man sonst nirgends in Fußballstadien findet, Leute,
die sich offen gegen rechts aussprachen und sich für Verein und Viertel
engagierten. Bei mir hat’s "klick" gemacht – und so oder ähnlich
erging es vielen.

Das Publikum am Millerntor hatte sich innerhalb weniger Jahre komplett gewandelt.
Das hatte Folgen: Zum erstenmal waren Zuschauer im Stadion, die ihren Kopf nicht
an der Kasse abgaben, sondern ihren gesunden Menschenverstand einbrachten, um
Veränderungen ins Rollen zu bringen, Veränderungen, ohne die der Verein heute
weder seine Popularität noch seine Strukturen erhalten hätte, sondern nach dem
bitteren Abstieg in die Zweitklassigkeit 1991 vielleicht wieder zum 08/15-Club
ohne Zuschauer und Perspektive geworden wäre.

Und gerade weil es in letzter Zeit ein wenig in Mode gekommen ist, sich betont
"unpolitisch" (im Sinne von: meinungsneutral zu
gesellschaftsrelevanten Themen) zu geben, sollte man sich eines immer vor Augen
halten: Fast alles ging von sogenannten "Linken" aus. Die Initiative
gegen den Sportdome, der erfolgreich verhindert wurde, die Initiative gegen
rassistische Rufe am Millerntor, die Gründung der "Mutter aller Fanzines",
des MILLERNTOR ROAR, die Öffnung des Fanladens (damals ein absolutes Novum in
der BRD, heute immer noch die Fan-Organisationsstelle schlechthin), das Singen
origineller Sprechchöre, das Eintreten für Faninteressen innerhalb des Vereins
als Mitglieder, der Fanzine- Boom Mitte der 90er, der Rauswurf von rechten
Gruppen, das Betreiben und Unterstützen der Fankneipen PFENNIG und JOLLY ROGER
sowie das Veranstalten großartiger Feste. Nicht zuletzt bewirkte der
"Druck von außen" – ob nun passiv durch Nachfrage oder aktiv durch
Mitwirken – im Laufe der Zeit, dass sich der "Offizielle Teil" des FC
dieser Entwicklung nicht mehr verschließen konnte. So wird heute kein Präsident
mehr den Verein nach Gutsherrenart regieren können, ohne zumindest heftig in
die Kritik zu geraten, ganz im Gegensatz zu der Zeit bis vor rund 10 Jahren. So
baut die Marketing ihre gesamte Werbestrategie auf das neue Image auf – sogar
mit Totenkopf im Logo – vor 15 Jahren noch unvorstellbar. Das Merchandise-
Sortiment hat sich stark den Bedürfnissen der Fans angepasst, wobei
viel vom Fanladen abgeguckt wurde, der schon vor über 10 Jahren erkannte, dass
es ein Defizit an guten Fanklamotten gibt und Kleidung fürs alltägliche Tragen
verkaufte. Die Stadionzeitung hat sich zu einem vergleichsweise guten Magazin
entwickelt, seitdem ehemalige taz- Redakteure und journalistisch tätige St.
Pauli-Anhänger dort anfingen, in die Tasten zu hauen. Eine eigene Abteilung
haben die Fans übrigens auch – die Frage, von wem die Grundidee dafür ausging,
brauche ich wohl nicht noch mal extra zu beantworten. Die Fans haben durch ihr
Image und die Arbeit in diversen Institutionen heute einen weitaus größeren
Einfluss auf den Gesamtverein als früher, und das ist gut und notwendig.

Für mich stellt sich die Frage: Sind die peinlichen Sprüche, die in den letzten Monaten
immer häufiger aus den Mündern von St. Pauli-Fans kamen, nicht der erste
Schritt rückwärts? Was kommt als nächstes? Wenn man regelmäßig die
Internet-Foren liest, bekommt man schon einen Eindruck von dem, was sich einige
Leute bislang nur anonym zu sagen trauen. Da wird alles, was auch nur den Hauch
von alternativer (oder "linker") Fankultur ausmacht – z.B. der
Fanladen – als der Untergang des Abendlandes dargestellt, obwohl sich diese
Leute mit Sicherheit auch die "linken" Errungenschaften zu nutze
machen oder sich zumindest im Licht des tollen und beliebten Vereins sonnen,
ohne darüber nachzudenken, wie alles begann und was der FC ohne diese
Geschichte heute wäre, nämlich ein Nichts.

Niemand ist 100% politisch korrekt. Niemand wird all seine guten Ansichten mit allen
Konsequenzen umsetzen können. Auch gibt es gewisse Toleranzbereiche, an deren
Rand man aber eine klare Grenze ziehen sollte. Beispiel? Szenerie Mönchengladbacher
Bahnhof: Die Hooligans in BGS-Uniform haben die St. Paulianer gerade in den
Sonderzug geprügelt. Die Stimmung ist aufs äußerste geladen, selbst relativ
Besonnene sind extrem gereizt. Aus dem Zug heraus werden die Schergen bepöbelt,
was durchaus verständlich ist. Allerdings frage ich mich, ob es besonders
geistreich ist, solche Sprüche wie "Du bist doch schwul!", "Du
Schwuchtel!", "Verpiss dich, Du Fotze!", "Alle Bullen sind
schwul!", "Du siehst schon so schwul aus!" zu bringen, und das in
einer Tour. Abgesehen davon, dass die Sprüche einfach lächerlich sind (also, für
mich ist schwul keine Beleidigung) hätte man die BGS’ler mit anderen Rufen
wesentlich passender treffen können (z.B. anhand ihrer offensichtlichen
Inkompetenz). Fanverhalten de luxe ist was anderes.

Ein großes Fazit oder gar einen Appell spare ich mir. Ihr müsst selbst wissen, wo es
langgehen soll. Jeder ist ein Teil von dem "Gesamtkunstwerk", und
jeder trägt ein Stück Verantwortung. Ihr habt es in der Hand.