Schlagwort: Millerntor

Mi., 31. Dezember 1969 / Topstory

St.Pauli: Phänomen, Mythos, Kult, einmalig, anders. Nur warum? Warum ist dieser Verein so einmalig, was macht den Mythos aus?

Sicher spielen da viele Faktoren eine Rolle. Das kleine, reine Fußballstadion mit der
prächtigen Stimmung, das Underdog-Bewusstsein, der sensationelle Aufstieg in
die Bundesliga 1988 mit anschließender dreijähriger Zugehörigkeit in
derselben, die zahlreichen Fans bei Heim- und Auswärtsspielen, die
vermeintlichen Kultfiguren (Ippig, Thomforde, Trulsen etc.), die
unvergleichliche Lage mitten in einem der berühmtesten Stadtteile der Welt.

Doch wenn man ehrlich ist, trifft alles – bis auf die Lage vielleicht – auch auf andere
Vereine zu, wirklich einmalig ist das alles nicht. Wenn, ja wenn sich am
Millerntor nicht eine Fankultur entwickelt hätte, die es in dieser Form
wirklich nicht noch einmal gibt. Und dieser Fankultur verdankt der Verein
letztlich seinen Status und seine Popularität.

Bevor diese Entwicklung ihren Lauf nahm, war der FC St. Pauli ein Verein wie jeder
andere. Mit geringen Zuschauerzahlen, mit Fans, die sich genauso daneben
benahmen wie die der anderen Clubs auch, mit einem Bekanntheitsgrad, der in Fußballdeutschland
gen null tendierte und einer Popularität, die im Vergleich zum Club mit den
drei Buchstaben fast schon irrelevant war, ungefähr auf einer Höhe mit
Barmbek- Uhlenhorst oder Hummelsbüttel. Jeder, der sich Anfang der 80er Jahre für
Fußball interessierte, wird das bestätigen. Ich persönlich beispielsweise,
als rund 11 Jahre alter junger Stellingen- "Fan", kannte den FC St.
Pauli (noch!) gar nicht. Erst als St. Pauli in der zweiten Liga recht
erfolgreich kickte, wurde ich aufmerksam, besuchte die ersten Spiele und fand
die Atmosphäre beeindruckend. Doch wirklich umgehauen hat mich die Erkenntnis,
dass es hier Leute gab, die man sonst nirgends in Fußballstadien findet, Leute,
die sich offen gegen rechts aussprachen und sich für Verein und Viertel
engagierten. Bei mir hat’s "klick" gemacht – und so oder ähnlich
erging es vielen.

Das Publikum am Millerntor hatte sich innerhalb weniger Jahre komplett gewandelt.
Das hatte Folgen: Zum erstenmal waren Zuschauer im Stadion, die ihren Kopf nicht
an der Kasse abgaben, sondern ihren gesunden Menschenverstand einbrachten, um
Veränderungen ins Rollen zu bringen, Veränderungen, ohne die der Verein heute
weder seine Popularität noch seine Strukturen erhalten hätte, sondern nach dem
bitteren Abstieg in die Zweitklassigkeit 1991 vielleicht wieder zum 08/15-Club
ohne Zuschauer und Perspektive geworden wäre.

Und gerade weil es in letzter Zeit ein wenig in Mode gekommen ist, sich betont
"unpolitisch" (im Sinne von: meinungsneutral zu
gesellschaftsrelevanten Themen) zu geben, sollte man sich eines immer vor Augen
halten: Fast alles ging von sogenannten "Linken" aus. Die Initiative
gegen den Sportdome, der erfolgreich verhindert wurde, die Initiative gegen
rassistische Rufe am Millerntor, die Gründung der "Mutter aller Fanzines",
des MILLERNTOR ROAR, die Öffnung des Fanladens (damals ein absolutes Novum in
der BRD, heute immer noch die Fan-Organisationsstelle schlechthin), das Singen
origineller Sprechchöre, das Eintreten für Faninteressen innerhalb des Vereins
als Mitglieder, der Fanzine- Boom Mitte der 90er, der Rauswurf von rechten
Gruppen, das Betreiben und Unterstützen der Fankneipen PFENNIG und JOLLY ROGER
sowie das Veranstalten großartiger Feste. Nicht zuletzt bewirkte der
"Druck von außen" – ob nun passiv durch Nachfrage oder aktiv durch
Mitwirken – im Laufe der Zeit, dass sich der "Offizielle Teil" des FC
dieser Entwicklung nicht mehr verschließen konnte. So wird heute kein Präsident
mehr den Verein nach Gutsherrenart regieren können, ohne zumindest heftig in
die Kritik zu geraten, ganz im Gegensatz zu der Zeit bis vor rund 10 Jahren. So
baut die Marketing ihre gesamte Werbestrategie auf das neue Image auf – sogar
mit Totenkopf im Logo – vor 15 Jahren noch unvorstellbar. Das Merchandise-
Sortiment hat sich stark den Bedürfnissen der Fans angepasst, wobei
viel vom Fanladen abgeguckt wurde, der schon vor über 10 Jahren erkannte, dass
es ein Defizit an guten Fanklamotten gibt und Kleidung fürs alltägliche Tragen
verkaufte. Die Stadionzeitung hat sich zu einem vergleichsweise guten Magazin
entwickelt, seitdem ehemalige taz- Redakteure und journalistisch tätige St.
Pauli-Anhänger dort anfingen, in die Tasten zu hauen. Eine eigene Abteilung
haben die Fans übrigens auch – die Frage, von wem die Grundidee dafür ausging,
brauche ich wohl nicht noch mal extra zu beantworten. Die Fans haben durch ihr
Image und die Arbeit in diversen Institutionen heute einen weitaus größeren
Einfluss auf den Gesamtverein als früher, und das ist gut und notwendig.

Für mich stellt sich die Frage: Sind die peinlichen Sprüche, die in den letzten Monaten
immer häufiger aus den Mündern von St. Pauli-Fans kamen, nicht der erste
Schritt rückwärts? Was kommt als nächstes? Wenn man regelmäßig die
Internet-Foren liest, bekommt man schon einen Eindruck von dem, was sich einige
Leute bislang nur anonym zu sagen trauen. Da wird alles, was auch nur den Hauch
von alternativer (oder "linker") Fankultur ausmacht – z.B. der
Fanladen – als der Untergang des Abendlandes dargestellt, obwohl sich diese
Leute mit Sicherheit auch die "linken" Errungenschaften zu nutze
machen oder sich zumindest im Licht des tollen und beliebten Vereins sonnen,
ohne darüber nachzudenken, wie alles begann und was der FC ohne diese
Geschichte heute wäre, nämlich ein Nichts.

Niemand ist 100% politisch korrekt. Niemand wird all seine guten Ansichten mit allen
Konsequenzen umsetzen können. Auch gibt es gewisse Toleranzbereiche, an deren
Rand man aber eine klare Grenze ziehen sollte. Beispiel? Szenerie Mönchengladbacher
Bahnhof: Die Hooligans in BGS-Uniform haben die St. Paulianer gerade in den
Sonderzug geprügelt. Die Stimmung ist aufs äußerste geladen, selbst relativ
Besonnene sind extrem gereizt. Aus dem Zug heraus werden die Schergen bepöbelt,
was durchaus verständlich ist. Allerdings frage ich mich, ob es besonders
geistreich ist, solche Sprüche wie "Du bist doch schwul!", "Du
Schwuchtel!", "Verpiss dich, Du Fotze!", "Alle Bullen sind
schwul!", "Du siehst schon so schwul aus!" zu bringen, und das in
einer Tour. Abgesehen davon, dass die Sprüche einfach lächerlich sind (also, für
mich ist schwul keine Beleidigung) hätte man die BGS’ler mit anderen Rufen
wesentlich passender treffen können (z.B. anhand ihrer offensichtlichen
Inkompetenz). Fanverhalten de luxe ist was anderes.

Ein großes Fazit oder gar einen Appell spare ich mir. Ihr müsst selbst wissen, wo es
langgehen soll. Jeder ist ein Teil von dem "Gesamtkunstwerk", und
jeder trägt ein Stück Verantwortung. Ihr habt es in der Hand.

Teilen
Mi., 31. Dezember 1969 / Topstory

„Zugehört auf ner Auswärtsfahrt: „Zieh den Rock hoch,
Schlampe!“, „Ey, ihr Drogendealer“ (zu zwei Schwarzen), Fußball,
Saufen, Ficken“, „Wir fahren drei mal täglich in den Puff…“
„Schwuler“ „Schwuchtel“, „Votze“…u.s.w….u.s.f.

Das letzte mal bin ich vor 5 Jahren mit dem Zug mitgefahren, davor
regelmäßig fast 6 Jahre, sowas hab ich noch nie so massiv erlebt… Ja,
ja, St. Pauli ist ja so anders…

MACHT ENDLICH DAS MAUL AUF; ODER STÖRTS EUCH NICHT!?“

Mit Verlaub: Ja, so etwas habe ich auch mittlerweile häufiger vernommen.
Und das ganze wird nicht nur auf Auswärtsfahrten „gesungen“
(bzw. gekotzt), sondern auch am Millerntor, und zwar nicht irgendwie
vereinzelt, sondern mittlerweile in schöner Regelmäßigkeit. Und das
ganze findet auch nicht erst seit ein paar Spielen statt, sondern ist
bereits seit einigen Jahren aktuell und wurde dementsprechend auch schon
auf diversen Fanversammlungen angesprochen- bisher ohne Erfolg, vermutlich
weil auf diesen Versammlungen immer nur der „inner circle“ von
St.Pauli anwesend war. Deswegen mein Versuch, das ganze nun ein wenig
stärker publik zu machen- war schon länger geplant, aber der
Gästebucheintrag bot nun das geeignete Startsignal.

Nazi- Zerkau- KöterFrüher
gab es einen Konsens unter den Fans, der dafür sorgte, dass Leute, die
etwas derartiges krakeelten, entweder gleich hochkant aus dem Stadion
flogen, oder aber wenigstens anschließend ihre Fresse nicht mehr
aufmachten (jedenfalls nicht mehr in dieser Form).
Diesen Konsens scheint es heute nicht mehr zu geben. Heute müssen sich
die Leute, die gegen derartige Subjekte aktiv vorgehen und nicht einfach
schweigen mögen, damit leben, von den Umstehenden etwas wie
„Wir sind hier beim Fußball und nicht auf einen
Kindergeburtstag“ oder dergleichen an den Kopf geschmissen zu
bekommen. Es ist also nicht mehr so, dass die Leute, die so eine Scheiße
von sich geben, von Umstehenden zurechtgewiesen werden, sondern
mittlerweile werden die Leute zurechtgewiesen, die derartige Sprüche
nicht unkommentiert im Raum stehen lassen wollen. Und das kann es nicht
sein- nicht am Millerntor, nicht außerhalb des Stadions- nirgends.

Hier gilt es, den vielbeschworenen Selbstreinigungstrieb neu zu
aktivieren. Es kann sein, dass einem dann damit gedroht wird, man würde eins
auf die Fresse kriegen- gut, dann sollen diese Leute drohen. Hier vertraue
ich darauf, dass es leere Sprüche sind, und es bei den Drohungen bleibt.
Sicher- man erreicht nicht bei allen, dass sie derartige Sprüche nicht
mehr bringen- aber ich bin sicher, man erreicht mit dem eigenen
einschreiten in jedem Falle die Leute, die nur deswegen nicht
eingeschritten sind, weil sie es sich nicht selbst getraut haben. Und ich
vertraue darauf (oder ich will- sturkopfmäßig- wenigstens darauf
vertrauen- es ist auch mein St.Pauli!), dass diese bisher schweigenden Leute noch immer
in der Mehrheit sind. Und deswegen werde ich auch weiterhin meine „dicke
Lippe riskieren“- und ich hoffe, dass zukünftig noch weit mehr Leute dazu
bereit sind.
Und zwar so lange, bis sich diese Subjekte wieder verpissen oder zumindest ihre
Sprüche nicht mehr bringen mögen- weil sie es sind, die entsprechende
Gegenstimmen hören müssen.

Was ich mir direkt durch diesen Artikel erhoffe, sind Ideen, wie man
konkret (und massiv) gegen derartige Leute vorgehen kann. Es nützt
nichts, wenn man sich immer hinter seinen „gegen Rechts“-
Aufnäher versteckt, oder sagt, man sei ja St.Paulifan, und daher von Haus
aus nicht Rechts, nicht sexistisch- es stimmt einfach nicht, man muss ja
bloß seine Ohren aufmachen. Diese Sprüche gibt es (in der letzten Zeit
stark zunehmend und weitaus offener als in der letzten Saison)- und das
Thema muss jetzt endlich mal breit diskutiert werden- im Forum
damit anschließend gemeinsam gehandelt werden kann. Und zwar unabhängig
davon, wie lange diese Leute bereits zum FC St.Pauli gehen, ob es die
eigenen Kumpels sind, oder ob diese Leute einen Kopf größer als man
selbst ist. Wenn niemand den Anfang macht, werden auch weiterhin alle
schweigen- und den Anfang machen wir!

Das letzte Mal, als der Selbstreinigungseffekt geklappt hat, war
damals, als die gegnerischen Spieler vor Spielbeginn alle den Nachnamen
„Arschloch“ zu besitzen schienen (was beim Osnabrück-
Auswärtsspiel wieder mal der Fall war).
Das nächste Mal, wo diese
Selbstreinigung klappt, muss dieser Fall sein- ansonsten kannste den
Verein inne Tonne treten- denn dann unterscheidet ihn nichts mehr von
vielen anderen Vereinen. Und ich will- ganz egoistisch- auch weiterhin in
einem besonderen Verein Mitglied und Fan sein. Helft mir dabei!

Teilen
Mi., 31. Dezember 1969 / Topstory

Gemeinsame Pressemitteilung der AGiM und der FC
St. Pauli Marketing GmbH

In den letzten Monaten ist das Auftreten
rechtsradikaler/rechtsextremistischer Erscheinungsformen wieder vermehrt
in das Bewußtsein der Öffentlichkeit zurückgekehrt. Kaum ein Tag
vergeht in Deutschland ohne Gewalttaten gegen Ausländer, Behinderte,
Obdachlose, Homosexuelle und Andersdenkende.
Die Fans des FC St. Pauli haben in den vergangenen Jahren immer wieder
Zeichen gesetzt, um auf diese Problematik in der Gesellschaft und in den
Fußballstadien aufmerksam zu machen. Der Verein FC St. Pauli hat sich
diesen Bemühungen angeschlossen und war u.a. mit seinem
Antirassismusparagraphen in der Stadionordnung wegweisend im deutschen Fußball.
Ebenso die FC St.Pauli Marketing GmbH, die in Zusammenarbeit mit der
Agentur Nordpol in der Starclub-Kampagne u.a. den integrativen Charakter
des FC St.Pauli hervorgehoben hat. Auf Initiative der AGiM treten jetzt
Verein, Marketing, Sponsoren und Fans gemeinsam auf.
Beim Heimspiel gegen Greuther Fürth wird eine neue Werbebande mit der
Aufschrift "Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen
!" im Millerntorstadion präsentiert.
Die TV-Werbebande wurde von der Agentur Nordpol unentgeltlich im
Starclub-Design entworfen und vom Bandenhersteller UNO Werbegestaltung
kostenfrei erstellt. Finanziert wird die Bande durch die FC St. Pauli
Marketing GmbH, den Hauptsponsor World of Internet, die Co-Sponsoren
Holsten-Brauerei AG und Braunschweiger Versorgungs-AG sowie die Fans des
FC St.Pauli.
Die FC St.Pauli Marketing GmbH spendet aus dem Gesamterlös 5000,- DM an
die "Opferperspektive" in Brandenburg. Diese Organisation
betreut Opfer rechtsextremer Gewalttaten.

Kommentar von mir (Stefan)

Nichts desto trotz sind auch am Millerntor in den
letzten Jahren vermehrt rassistische, antiseminitische sowie sexistische
Sprüche aufgetreten und werden weitestgehend kommentarlos von der
Fanszene zur Kenntnis genommen- in allen Stadionteilen.

Teilen

Spiele

Tabelle

Rang Teams Gespielt Differenziell Tordifferenz Punkte
1 Bielef. 24 49 - 23 26 50
2 hsv 25 48 - 28 20 44
3 VfB 24 40 - 27 13 44
4 FCH 25 34 - 26 8 41
5 Fürth 25 37 - 31 6 37
6 D98 25 31 - 31 0 36
7 Kiel 25 38 - 38 0 34
8 hsv96 25 34 - 37 -3 32
9 Aue 25 32 - 34 -2 32
10 Jahn 25 33 - 41 -8 30
11 FCSP 25 33 - 32 1 30
12 1. FCN 25 34 - 45 -11 29
13 Sandh. 25 30 - 33 -3 29
14 VfL B. 25 39 - 42 -3 29
15 Osnab. 25 32 - 35 -3 29
16 Wehen 25 30 - 41 -11 26
17 SGD 25 25 - 41 -16 24
18 KSC 25 31 - 45 -14 22