Bundestagswahl 2005 – meine Analyse

Moin, da ich mal wieder Wahlhelfer im Wahlbezirk 108/04 war, welcher sich in Hamburg an der Sternschanze befindet (genauer gesagt in der Schule Ludwigstrasse), kann ich euch jetzt schonmal die vorl. Endergebnisse dieses Wahlbezirks nennen, welcher das Gebiet zwischen Schanzenstrasse, Kampstrasse, Neuer Kamp und Neuer Pferdemarkt umfasst.

Ferner werde ich über die ein oder andere aufgetretene Skurrilität berichten, und zuletzt folgt dann auch nochmal das, was man ohnehin nun überall hört – eine persönliche Analyse des Wahlergebnisses. Und weiss der Geier, warum das ganze dann so ohne jedliche Formatierung daherkommt…
Dieser Wahlbezirk ist traditionell ein „Grüner“ Wahlbezirk, wenn man mal die Ergebnisse der letzten Hamburgwahl heranzieht, bei der die Grünen/GAL schlappe 41,1% verbuchen konnten.
Dieses Mal empfinde ich insbesondere die Unterschiede zwischen Erst- und Zweitstimme als sehr interessant, die teilweise recht beachtlich ausfallen.
Zunächst einmal ein paar grundsätzliche Informationen zum Wahlbezirk: Er umfasst insgesamt 1236 Wahlberechtigte, davon beantragten bei der jetzigen Bundestagswahl 202 Personen Briefwahlunterlagen. 763 Personen tauchten heute im Wahllokal auf, davon gaben 758 eine gültige Stimme ab (die Wahlbeteiligung lag also bei etwa dreiviertel der Wahlberechtigten).
Die Stimmenverteilung im Wahllokal 108/04 in der Schule Ludwigstrasse sah folgendermassen aus:
Erststimme (Kandidat) / Zweitstimme
SPD: 151 (Kahrs, Johannes) / 71
CDU: 21 (Blumenthal, Antje) / 9
Grüne/GAL: 92 (Sager, Krista) / 136
FDP: 5 (Schrader, Leif) / 20
Die Linke.: 30 (Masudi, Zaman) / 43
NPD: 3 (Harder, Ulrich) / 3
APPD: – / 4
MLPD: – / 0
Die Tierschutzpartei: – / 4
Die PARTEI: – / 22
Torsten Wrage: (Wrage, Torsten) 3 / –

(Stimmen: 312 / 312, davon gültig: 302 / 309)
Das ganze natürlich, wie immer, ohne Gewähr oder sowas in der Art.

Wenn man sich mal ansieht, wie da die Verteilung zwischen Erst- und Zweitstimmen ist, fällt besonders bei der SPD, CDU und FDP auf, dass die Differenz zwischen diesen beiden Stimmarten mal eben zwei bis vier beträgt, was ein klares Votum dafür zu sein scheint, dass man hier ganz offenkundig Rot-Grün haben wollte, und bundesweit aber keinesfalls die CDU an die Macht kommen sollte (aber in Hamburg doch noch deutlich besser wie bundesweit abschneidet) obwohl man natürlich nicht verschweigen kann, dass Schwarz-Gelb grade mal 10 Prozent der Stimmen erhalten hat, die Rot-Grün auf sich vereinigen konnte. Bei den „bundesweiten“ Zweitstimmen sieht das Verhältnis ebenso deutlich aus – hier beträgt das Verhältnis zwischen Schwarz-Gelb und Rot-Grün gar 29:207 Stimmen (oder 14 Prozent Zustimmung zu Schwarz-Gelber Bundespolitik). Lustig, dass hier die FDP mehr wie doppelt so viele Stimmen wie die CDU einheimsen konnte – womit klar wäre, wessen Politik als gescheitert angesehen werden kann, zumindest wenn man den hiesigen Wahlbezirk als Grundlage nimmt.
Das könnte ja auch das Fazit für ganz Hamburg sein – scheiterte doch hier jeder Direktkandidat, teilweise klar, an seinem SPD- Pendant. Nicht, dass mich das nun unbedingt freuen würde, aber angesichts des unfähigen CDU-Senates, der nur auf Prestigeobjekte aka „Wachsende Stadt“ setzt und dabei die eigentliche Stadt drumherum ein wenig vergisst, ist es denen dann doch gegönnt, dass sie in keinem Hamburger Bezirk eine Mehrheit erringen konnten.

Nunja, kommen wir zu dem Punkt, warum ich mich eigentlich als Wahlhelfer engagiere – nun, zum einen ist es natürlich nett, wenn einem der Staat seine nächste Auswärtsfahrt finanziert – dieses Mal also nach Chemnitz. Zum anderen sind es aber auch die Wähler in diesem Wahlbezirk, wo man immer wieder Dinge zum schmunzeln erlebt.

Da wäre dieser absolut geniale Hund der Rasse „Boxer“. Eigentlich müsste man zu dem eher „Miniboxer“ sagen. Boxer sind generell ja nicht sonderlich groß, aber dieser war nochmal deutlich kleiner, vielleicht halb so hoch wie ein Boxer üblicherweise ist. Entweder er war noch sehr jung und daher noch kleiner (für sein Alter sähe er dann aber schon reichlich runzelig aus), oder aber es ist eine Art Sub-Rasse vom Boxer. Nunja, jedenfalls war dieses kleine Kerlchen, geschätzte Schulterhöhe 15 cm, echt herzallerliebst. Keine Ahnung, ob ihr diesen sprechenden Boxerhund aus „Men in Black“ (oder wars Independence Day? Egal) kennt, so in etwa sah er aus. Und so verhielt er sich…
Die Wahl fand ja in einer Schule statt. Schulen haben diesen für Schulen so typischen Linoleumboden. Und nun stelle man sich einen Miniboxer vor, der wie ein Berserker an der Leine zerrt, dessen Beinchen dabei völlig auf dem rutschigen Untergrund am durchdrehen, und Geräusche fabrizierend, die man eher einem Bernhadiner oder so zutrauen würde. Dazu dann ein Frauchen, welches dieses an der Leine zehrende Miniteilchen scheinbar nichts ausmachte, das war einfach ein Bild für die Götter.
Und wenige Minuten später kamen dann zwei Windhunde oder sowas in der Art herein, das absolute Gegenstück zu diesem kleinen Knuddelding, lol, da konnte ich mir ein Grinsen echt nicht mehr zurückhalten, zu groß war der Kontrast, für den ich dieses Wahllokal einfach liebe. Man trifft einfach eine irrsinnig unterschiedliche Klientel an, wie wohl in keinem anderen Wahllokal in Hamburg.

Oder ne ältere Frau, schätzungsweise um die 70 Jahre alt, in Begleitung mit ihrem Mann. Sie geht in die Wahlkabine, sitzt da etwa 5 Minuten drinne, der Mann wird schon ungeduldig, und was sie dann sagt, nun, da fiel es schon richtig schwer, nicht direkt loszuprusten, aber das wär irgendwie ja unhöflich, und jeder wird ja mal alt – nun, sie sagte, völlig trocken, folgendes: „Ja, nun, ich habe halt beim Fernsehen nicht aufgepasst, ich weiss halt nicht, wie man wählt, erklär es mir doch bitte mal…“ – und der Mann (und ich) fallen gemeinsam fast in Ohnmacht. Bevor das dann tatsächlich geschah, erklärte ihr Mann ihr glücklicherweise nochmal den genauen Wahlvorgang, so dass sie dann auch wusste, dass sie immerhin zwei Kreuzchen machen durfte (nicht, ohne dann nochmal zu fragen, ob sie denn hier und da bei dieser Partei ihr Kreuzchen machen müsse…). LOL. Meine Güte.

Oder die beiden Wähler, die gleich jeweils 2 Wahlbenachrichtigungskarten besassen, also wohl auch zweimal hätten wählen können… Die eine hatte vor einigen Tagen geheiratet, war aber noch unter ihrem alten Namen im Wählerverzeichnis eingetragen. Wieso die da noch unter altem Namen eingetragen war, dann aber trotzdem eine zweite Wahlbenachrichtigungskarte mit ihrem neuen Namen zugeschickt bekam, und dieser dann nicht auch im Wählerverzeichnis geändert wurde, weiss aber natürlich nur die zuständige Wahldienststelle oder der Wahlleiter (oder wer auch immer).

Oder die zweite Wählerin mit zwei Wahlbenachrichtigungen – diese hatte in München, bevor sie von dort nach Hamburg zog, vorsorglich schonmal Briefwahl gemacht, wer weiß, ob das in Hamburg, so kurz nach dem Einzug, denn auch klappen würde… Nun, zumindest klappte es insoweit, dass auch Hamburg ihr eine Wahlbenachrichtungskarte zuschickte, mit der sie in Hamburg dann erneut hätte wählen können?! Alles sehr eigenwillig, ich glaube, die verkürzte Vorbereitungszeit macht sich an solchen Dingen bemerkbar.

Oder die Wählerin, die kürzlich umgezogen war, aber sich noch gar nicht umgemeldet hatte, aber trotzdem im Wählerverzeichnis mit neuer Anschrift stand, aber wo dann ihre Wahlbenachrichtigungskarte noch an die alte Anschrift ging, was dazu führte, dass sie zumindest bei uns dann nicht wählen durfte, weil halt ihre Wahlbenachrichtungskarte nicht mit der Eintragung im Wählerverzeichnis übereinstimmte.

Lustig auch die Schrittfolge, die Wähler beim betreten des Wahllokals gleich reihenweise vollführten. Irgendwie werden ziemlich viele Leute total hektisch und nervös, bloss weil sie zwei Kreuze machen dürfen. Da laufen sie in die eine Ecke des Raumes, kommen von dort wieder zurück, drehen sich anschließend wie ein Brummkreisel um die eigene Achse, um anschliessend dann wieder zurückzukommen, weil sie festgestellt haben, dass sie ohne Stimmzettel evtl. nicht abstimmen können.

Diese echt abwechslungsreichen Reaktionen sind es, die diese fünf Stunden Wahlzeit echt wie im Fluge vergehen lassen, und die eineinhalb Stunden auszählen gehen dann auch wie im Fluge herum. Mach ich doch gerne, wenn ich dafür dann kostenlos zum nächsten Auswärtsspiel nach Chemnitz komme.

Interessant werden nun natürlich die nächsten Wochen. Aber die CDU meinte ja schon immer, dass es der Osten sein wird, der die Wahl entscheiden würde. Nun denne, nun ist es dieser eine Wahlkreis, bei dem diese Einzelkandidatin gestorben ist (nunja, deren politische Meinung ist eh von vorgestern, da machts dann bald schon nichts mehr), der womöglich entscheiden wird, welche der beiden „Volksparteien“ (welche sowohl beim dortigen, als auch dem hiesigen Volk keine Mehrheiten mehr besitzen) die Mehrheit erhalten wird. Angesichts der tatsächlichen Prozentzahl ist es echt nur noch Hohn, was neuerdings als Mehrheit verkauft wird.
Lustig auch, dass jetzt, wo die Wahl vorbei ist, irgendwie scheinbar niemand mehr regieren möchte: die wollen nicht mit denen, und die sowieso mit denen schonmal gar nicht, und weil die gesagt haben, dass die auch mit denen nicht wollen, wollen wir jetzt auch nicht mehr mit denen – die Gesprächsrunden heute Abend im TV, die ich im vorbeigehen aufgeschnappt habe, waren jedenfalls sehr ulkig. Aber Kanzler will natürlich jeder werden, aber bloss nicht die Regierung stellen…
Da lob ich mir doch die Partei, die den vermeintlichen Regierungsparteien schön in die Suppe gespuckt hat, auf das die das nun gemeinsam – darauf wirds wohl hinauslaufen – auslöffeln dürfen- die haben wenigstens schon vor der Wahl gesagt, dass sie nicht regieren wollen.

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