29.03.1998: SG Wattenscheid 09- FC St.Pauli 4:1

21. März 2002 | Von | Kategorie: Berichte

Oder „Ein Spiel hat zwei Halbzeiten“ oder „Einmal Sonnenstudio 120 Mark“…

Tja- was diese Überschrift soll? Siehe weiter unten- fangen wir aber ganz von vorne an…
Vorne heißt: Vor der Abfahrt nach Wattenscheid, am Hamburger Hauptbahnhof.

Als ich da ankam, dachte ich zunächst, bei der Uhrumstellung hin zur Sommerzeit irgendwie wohl was falsch gemacht zu haben- es waren nämlich keine Massen von St.Paulifans sichtbar, wie sonst üblich bei so wichtigen Auswärtsspielen, wo man mal eben mit 13 Waggons zum Auswärtsspiel bei Fortuna Köln fährt.‘,’Um genau zu sein: Es waren natürlich sehr wohl Fans anwesend- etwa 100…
Mein erster Eindruck war echt, das die meisten wohl aufgrund derZeitumstellung den Zug verpasst hätten- da die Zeitungen am Vortagedavon sprachen, es wollen 2000 Fans aus Hamburg mitfahren (das wärendann auch die anfangs erwähnten ca. 13 Waggons).
Nunja- so verteilten sich die Fans also auf 1-2 Waggons, wirklich einimposanter Support…
Hatte aber von Anfang an den Vorteil, dass eine wirklich angenehme,persönliche Atmosphäre aufkam- während der Hinfahrt lernte man dieMitfahrer alle mehr oder weniger gut kennen, als man dann in Dortmundankam, wo man umsteigen musste, war es wirklich richtig angenehm.
Man teilte sich mit einigen anderen Leuten ein Schließfach (inWattenscheid gibt es keine….), ging gemeinsam rechts aus dem Bahnhofraus, eroberte die direkt am Bahnhof ansässige McKotz- Filiale, kauftesich was zum schlingen und genoss die 45 Minuten Aufenthalt in Dortmund.
Und von genießen kann man wirklich sprechen, denn das Wetter war wirklichtraumhaft. Strahlender Sonnenschein und Temperaturen von über 20 Grad, soläßt`s sich leben.
Man pflanzte sich also auf eine Art Absatz direkt an die Strasse, genoss dieSonne und die erstaunten Blicke der Dortmunder (scheint nicht oft vorzukommen,dass sich Fußballfans am Dortmunder Hauptbahnhof aufhalten?!?), und sprachmit dem ein oder anderen Ruhrpottler- geiler Slang, grins.
Interessant in diesem Zusammenhang eigentlich nur, dass es in Hamburgaugenscheinlich mehr Dortmundfans als in Dortmund selbst zu geben scheint-in Hamburg laufen einem ständig Kiddys in Neongelben Trikots über den Weg-in Dortmund sah man keinen, der auch nur ein Dortmundwappen oder dergleichentrug- irgendwie eigenartig.
Nunja- irgendwann machten wir uns wieder auf den Weg Richtung Gleise, undwarteten auf den Regionalzug Richtung Wattenscheid- hups- einDoppeldeckerzug sollte es also sein- gibt es wohl auch nur im Ruhrgebiet-na denn, erste Etage erklommen, und die Fahrt nach Wattenscheid weiter inAngriff genommen.
In Bochum stiegen dann noch die bei Auswärtsspielen wohl obligatorischenRuhrpottpunks zu, die jedoch weder wussten, dass es noch nicht sicherist, ob Thomforde spielen kann (Teilabriss am Außenband), noch wusstensie, in welchen Tabellenregionen St.Pauli ist, geschweige denn, worum esbei diesem Spiel insbesondere ging (Anschluss an Freiburg auf den drittenAufstiegsrang halten). Nunja, aber ansonsten fanden sie St.Pauli einfach nurgeil- auch mit solchen „Fans“ muss man wohl leben..
Naja, in Wattenscheid angekommen, dachten wir, sowas wie ein Busshuttleoder so brächte ein nun zum Stadion, wie woanders üblich- tja, nichtswar, es hieß, zu laufen…
Bei sonnigem Wetter vielleicht auch nicht schlecht- leider war es mittlerweilenoch wärmer geworden… und so lief man.. und schwitzte, und lief, tja,und nach nur 30 Minuten Fussmarsch durch die pralle Sonne war man ja auch“schon“ angekommen- und stellte fest, dass man wohl ein wenig zu warmangezogen war…
Angesichts der Uhrzeit setzte man sich also erstmal vor`s Stadion in denSchatten, um nicht 2 Stunden in der prallen Sonne in der Kurve sitzen zumüssen- im Stadion spielten wohl irgendwie die Minis, jedenfalls hörteman deren Eltern diese anfeuern- war wohl ein recht gutes Spiel von denKleinen 🙂
Naja- um 13:45 Uhr machte ich mich dann auch auf, den Ground zu erkunden-nettes Stadion, eigentlich gar nicht mal so schlecht, wie ich erwartet hatte,zumindest die linke Tribüne machte einen ordentlichen Eindruck, jedenfallswas das architektonische betraf- ganz im Gegensatz zur anderen, die wirktewie vom Speermüll mit Wellpappe zusammengeklebt…
Naja- die Sicht aufs Feld war nicht ganz so pralle, man sah kaum was, wennder Ball am anderen Ende des Platzes war, aber was solls, man konnte nicht alleshaben…
Gegen 14 Uhr fand ich mich dann am Bierstand ein, wo ich mit einigen Leutenverabredet war, die sich jedoch irgendwie nicht anfanden- auch egal, dafürtraf man diverse andere Leute von den Heimspielen und anderen Auswärtsfahrtenwieder, die sich nicht im Zug befanden- wohl mit eigenem Auto hergekommen,so dass man dennoch an ein paar kostenlose, etwas herb schmeckende, Bierekam.
Als auch um 14:15 Uhr keiner von den dort erwarteten auftauchte, machte ich michauf, dorthin zu gehen, wo sich das wirkliche Ereignis abspielte- nein, nichtauf dem Spielfeld- sondern auf einer Wiese direkt an der Kurve- ich tatdas einzig vernünftige bei den Temperaturen (wer will da schon in einerBetonkurve stehen und gebraten werden?)… man legte sich auf die Wiese,und genoss das Wetter, hörte Musik (endlich mal ein Stadion mitLautsprecheranlage, wo man was hört…) und mampfte `ne Wurst, trank dasgesponserte Bier, und genoss einfach das Ich-sein.
Naja- als ich dann gegen 14:45 Uhr die eigentliche Kurve betrat, hattediese sich auch mittlerweile relativ gut gefüllt, waren wohl doch ca. 1500Leute anwesend, davon wohl ein Drittel ortsansässiger Punk- Pöbel…Insgesamt waren es übrigens 3665 Zuschauer- Zuschauerrekord? 😉

Die erste Halbzeit

St.Pauli spielte recht ordentlich, erarbeite sich auch viele Chancen, umnur einige zu nennen:
Scherz und Marin scheitern in der 25. Minute.
Sawitchev scheiterte in der 26. Minute,
Mason in der 35. Minute,
und Marin in der 39. Minute.
All das waren nicht normale Torchancen (die habe ich schon gar nichtmehr mit aufgeführt, hätte wohl den Platz gesprengt), sondernChancen, die man allgemein als hundertprozentige bezeichnen würde, dieman eigentlich gar nicht mehr daneben schießen konnte, da es schonartistische Einlagen forderte, es dennoch zu schaffen.
St.Pauli schaffte es.
Entweder sie schossen den eigenen Mitspieler an, sie köpften zwei Metervor dem Tor freistehend über eben dieses, oder aber sie verstolpertenauch die besten Chancen kläglichst.
St.Pauli spielte also durchaus erfolgsversprechend. Sie verstanden es bloß halt nicht, die hochkarätigsten Chancen in wenigstens ein Tor zuverwandeln.
Um nur einige der vielen hundertprozentigen zu nennen:
Scherz und Marin in der 25. Minute,
Sawitchev in der 26. Minute,
Mason in der 35.,
und Marin in der 39. Minute.
So etwas rächt sich üblicherweise. So auch dieses mal:
Stanislawski bekommt einen Einwurf. Wirft diesen direkt zum Gegner.Kopfballstafette, in deren Verlauf sich Trulsen übelst verschätzt.Dadurch kriegt Feinbier den Ball, der gibt ihn weiter an Korobka,der in der 43. Minute zur 1:0 Führung der Wattenscheider einschießt.Stanislawski hatte offenbar nichts besseres zu tun, als wie ein wildermit den Armen zu rudern, um so seine Meinung um ein angebliches Abseitskundzutun.
Man hätte ja auch versuchen können, dem Wattenscheider den Ballabzunehmen, aber das wäre ja aufwendiger gewesen, als dieseArmwedlershow abzuziehn… so arm!

Die zweite Halbzeit

Wie soll man diese Halbzeit nun zusammenfassen?
Als „Ein Aufstiegsaspirant wird demontiert“, wie der Stadionsprechernach dem 3:0 hart, aber treffend ins Mikrofon schrie?
Als Arbeitsverweigerung mit gelegentlich (versehentlich?) ankommendenPässen des gesamten St.Pauli-Teams?
Als 120 Mark teures Sonnenbad mit Fußballberieselung?
Als Offenbarungseid der mangelnden Erstligatauglichkeit?
All diese Beschreibungen haben was wahres an sich.
Demontiert wurden sie. Wenn man sich mal die Art und Weise ansieht,wie die Tore gefallen sind, wie die St.Paulianer vorher ausgespieltwurden- einfach nur traurig.
Korobka auf Feinbier, der ließ (wiederholt) Stanislawski stehen,passte auf Sane, der vollendete in der 63. Minute zum 2:0, nur3 Minuten später vollendete dieser erneut einen Konter zum 3:0 fürWattenscheid.
In der 85. Minute kann auch Sawitchev, obwohl sehr darum bemüht, nichtden Anschlusstreffer zum 3:1 verhindern (!)- er „schießt“ aus einemMeter eine Flanke von Scharping ein.
Traurig, dass ich diesen Satz so formulieren muss- aber anders lässtsich dieses Grauen wirklich nicht mehr beschreiben.
Aber wenigstens schafft es Feinbier eine Minute später, zum alten Abstandzum 4:1 einzulochen.

Arbeitsverweigerung deswegen, weil sich kaum ein St.Paulianer ernsthaftdarum bemüht, einen Fehler, den er selber gemacht hat, wieder selbstauszubügeln. Es ist ja auch so viel einfacher, betrübt auf den Bodenzu starren, und darauf zu vertrauen, dass die Mitspieler den eigenenFehler, der zum Ballverlust führte, ausbügeln…

Als 120 Mark teures Sonnenbad deswegen, weil wenigstens das Wettergenial war, und das vor dem Spiel stattfindende allgemeine Sonnenbadenim nachhinein als positiver Höhepunkt anzusehen war.
Es war wirklich herrlich, vor dem Spiel herrschte eine regelrechteFamilienausflugsathmosphäre, überall liefen kleine Kinder umher,St.Pauli-Flaggen steckten im Rasen, daneben lagen Sonnenanbeter, manmampfte eine Wurst, trank ein Bier, und liess sich liegend die Sonneauf dem Körper scheinen, während sich nebenan die Spieleraufwärmten…
War wirklich nett. Wenn dieses Sonnebad denn nicht so teuer gewesen wäre-das gleiche Erlebnis hätte man auch für 7,80 DM Fahrgeld an der Alster haben können, und man braucht für ein Sonnenbad wirklich nicht durchdie halbe Republik zu reisen- aber das war echt noch das positivste andiesem Sonntag.

Als Offenbarungseid deswegen, weil dieses Spiel endlich mal das offenbarte,wovon ich schon seit Wochen rede- St.Pauli gewinnt die Spiele keinesfallsdurch Einsatz, durch Überlegenheit (mal das Düsseldorfspiel ausgenommen),nicht durch überzeugenden Kampfeinsatz, nicht durch überzeugendeLeistungen- sondern ausschließlich durch Glück!
Das machen schon die äußerst glücklichen Punkte gegen Gütersloh(umstrittener Elfmeter in der letzten Minute), gegen Köln (schwach,äußerst schwach gespielt, aber dennoch einen Ball REINGESTOLPERT) undandere Spiele deutlich- das das irgendwann schief gehen musste, war klar.
Man kann eben nicht immer auf sein Glück hoffen.
Das diese Serie aber nun ausgerechnet gegen ein Team reißt, welchesseinerseits keinesfalls besser war, ist insbesondere dann tragisch, wennman auf die aktuelle Tabelle schaut, und bedenkt,dass St.Pauli, hätten sie gewonnen, nur einen Punkt hinter einemAufstiegsplatz gestanden hätten- und gegen den Verein, der vor ihnen aufdiesem liegt, selber noch spielen…
Nein- das war alles andere als überzeugend. Das war einfach nurgrottenschlecht! Man kann gegen jedes Team verlieren, insbesondereauch Auswärts kann das mal passieren- aber ist es denn zuviel verlangt,dass man wenigstens versucht, nicht zu verlieren?!?
Dafür wäre es aber notwendig gewesen, mal ein wenig zu kämpfen, einwenig zu laufen, und verlorenen Bällen hinterher zu stratzen- und nichtnur mit den Armen rumzuwirbeln, nicht nur betrübt auf den Boden zustarren- sondern was zu tun! Zu arbeiten!

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