Buchtipp: „Niemand siegt am Millerntor“

23. Oktober 2008 | Von | Kategorie: Berichte

Coverbild vom Buch Niemand Siegt Am MillerntorMit seinem Buch „Niemand siegt am Millernor – die Geschichte des legendären St.Pauli- Stadions“ ist René Martens ein gut geschriebenes, umfangreiches Werk gelungen, welches umfassend über die Frühgeschichte des Millerntors und wie es zu dem heutigen Millerntorstadion wurde geglückt, was man ohne zu übertreiben als Referenzbuch zum Thema Millerntorstadion bezeichnen könnte.
Und hierbei ist Frühgeschichte durchaus wörtlich gemeint, denn das Buch startet nicht etwa mit dem Millerntor als Stadionbauprojekt, sondern mit dem nicht mehr vorhandenen Millerntor als Grenzanlage zwischen Hamburg und dem damals noch zu Dänemark gehörendem Altona im 13. Jahrhundert.

Dieses stellt jedoch nur einen kleinen Teil des Ganzen dar, fortan wird sich dann dem Millerntor, wie wir es heute kennen zugewendet, wenn auch zunächst an anderem Standort, denn der ursrpüngliche Standort des Millerntorstadions war ein anderer, welcher im Zuge der Internationalen Gartenbauausstellung in Planten un Blomen jedoch weichen musste.
Fortan wird dann im unterhaltsamen Erzählstil berichtet, was den besonderen Mythos dieses Stadions ausmacht. Dieses gelingt (endlich mal!), ohne hierbei allzusehr in die sonst so typischen Klischees („der Bänker neben dem Punker“) abzudriften. Es wird, ohne dadurch jedoch ins langweilig-dröge abzuschweifen über gewisse Standortvorteile des Heiligengeistfeldes mitten auf St. Pauli ebenso gesprochen wie über personelle Unikate, die mit dem heutigen Millerntor eng verknüpft sind (St.Pauli-Willi!).

In Niemand siegt im Millerntor finden sich allgemein nicht nur Berichte über das Stadion selbst, sondern es wird auch immer ein Blick über den TellerStadionrand riskiert, ein Blick auf die Fußballberichterstattung der Nachkriegszeit, es wird über politische Querelen, über die große Zahl der gescheiterten Neubauversuche, über den Stadtteil berichtet, es finden sich Berichte darüber, wie sich die Zuschauerentwicklung darstellte und wie es dazu kam, dass sich heute so ligauntypisch viele zwei bis dreimal im Monat im Millerntorstadion einfinden- darunter auch die Ultras, die ebenfalls als eher neuere Entwicklung im Buch Erwähnung finden. Es finden sich aber auch Berichte über Eintrittskarten, (Lebenslange) Dauerkarten, über blinde St. Paulifans und wie sich denen ihr Stadionerlebnis darstellt.

Insgesamt betrachtet findet und fand aber nicht nur Fußball im Millerntor statt, sondern auch Kultur aka Lesungen mit Nobelpreisträger Günter Grass (wie passend der Name dann doch wieder an dieser Stätte ist) am Millerntor statt – auch diesem Aspekt der Stadionkultur ist ein Kapitel gewidmet, aber auch – man höre und staune – den internationalen Spielen am Millerntor. Beispielsweise spielte auch ein gewisser Pele bereits an dieser Örtlichkeit.
Einige der geplanten internationalen Spiele fanden dann aber doch nicht statt, obwohl es ursprünglich vorgesehen war – bspw. ein internationales Spiel zwischen Deutschland und England musste aufgrund erhebliche Proteste ausfallen- auch darüber berichtet dieses Buch.

In einem weiteren Teil werden einige Spiele, an die sich jeder Fan, der dabei war, immer wieder gern zurückerinnern mag (oder auch weniger gerne…), exemplarisch genauer unter die Lupe genommen, so dass sie sich wie ein Film wieder vor dem geistigen Auge des Lesers aufzubauen vermögen.
So erlebt man diverse Pokalschlachten erneut, aber auch so Klassiker wie der 3:2-Sieg von St. Pauli gegen Hansa Rostock kann man erneut empfinden…

Das Ganze mündet dann schliesslich alles in dem Stadion, wie es sich in der Saison 2008 darstellt – mit neuer Südtribüne, teilerneuerter Nordtribüne, abgerissenem Clubheim, einer erfolgreichen Boykottinitiative gegen ein neues Stadionbezahlungsmittel (Millerntaler) und gegen den Verkauf des Stadionnamens – auf das dieses Stadion auch die nächsten 100 Jahre noch so heissen werde wie in diesem Buch genannt – eben Millerntorstadion.

Garniert ist das Ganze übrigens mit einer Vielzahl wirklich sehr hübscher Farbfotos, die es alleine schon wert wären, dieses Buch zu kaufen – nicht, um es dann im Bücherregal verstauben zu lassen, sondern immer wieder drin herumzublättern – ist es doch kein Historienbuch oder schnödes Nachschlagewerk, sondern lädt mit seinen zahlreichen Storys immer wieder zum stundenlangen schmökern und träumen ein – die ideale Lektüre, die niemals langweilig wird! Absoluter Pflichtkauf!

Inhalt:
Kapitel 1 – Frühgeschichte

  • Vom wahren Millerntor – Kleine Geschichte eines großen Namens
  • Bodenständig für immer – die typischen Merkmale des Standorts Heiligengeistfeld
  • Von Falke bis Fichte – die anderen Millerntorclubs
  • Fußball ohne Stadion – St. Paulis Plätze bis 1945
  • Ein Produkt der Anarchie – Politische Querelen um die Heimat des FC
  • „Die Aufregung kennt keine Flaute“ – Fußballberichterstattung in der Nachkriegszeit
  • Das medienhistorische Spiel – Fand Weinachten 1952 am Millerntor eine Premiere statt?
  • Die Folgen der Globalisierung – Große internationale Spiele auf St. Pauli

Kapitel 2 – Sturm und Drang

  • „Der Staat muss sich etwas einfallen lassen“ – Was Anfang der 1960er Jahre alles verkehrt lief
  • Kampfmaschine im Karnickelloch – Die historische Verletzung des Verteidigers Heinz Deininger
  • Auf engstem Raum – Das Millerntor in den 1960er und 1970er Jahren
  • Es war einmal – Die Südkurve, die Meckerecke und was sonst verschwunden ist
  • Die Spezialitäten des Hauses – Von Wasserklosett bis Werbung – eine Sightseeing-Tour
  • À la recherche du temps perdu – Die Geschichte der nicht realisierten Neubauten
  • „Wir sehen uns auf den Barrikaden“ – Politik am Millerntor – ein Abriss

Kapitel 3 – Talkshow

  • „Die Ultras könnten meine Kinder sein“ – Ein Gespräch über Fußball und Musik
  • „Den modernen Fußball kann man sich nicht schöntrinken“ – Ein Gespräch über Engagement und Visionen
  • „Vier- Sterne- Hotels und verfallene Häuser“ – Ein Gespräch über Stadion und Stadtteil

Kapitel 4 – Spieltage

  • Die Essentials der Geschichte – Zwischen Himmel und Hölle – 36 Schlüsselspiele
  • Aus dem Leben der anderen – Von Dünebergern, Zyprioten und Legenden
  • Hello und Goodbye – Notizen zu Trauerfeiern und Einweihungsspielen
  • Das Gute an den schlechten Zeiten – Eine kleine Zahlenrevue zur Zuschauerentwicklung
  • Heimspiele in der Fremde – Der Volkspark und andere Asylorte

Kapitel 5 – Mixed Zone

  • Always ultra – Erinnerungen an einen berühmten Fan: St. Pauli-Willi
  • Wenn Tote keine Verluste bringen – Die Lebensdauerkarte, das Prunkstück der organisierten Millerntor- Kultur (ein Gastbeitrag von Peter Cardorff
  • „Der Klub der flotten Dichter“ – Samples aus einem halben Jahrhundert Stadionliteratur
  • „Das Stadion ist meine Kirche“ – Katja Löffler, seit ihrer Geburt blind, schreit und stürmt für den FC St. Pauli
  • The incomplete songbook – Stadionsongs und -gesänge – eine Hitparade
  • Rotwein in Pappbechern – von Günter Grass bis DJ Koze – Kultur am Millerntor
  • Millerntor Murder Mysteries – Das Stadion als Krimischauplatz – Drei Beispiele

Kapitel 6 – Neue Welt

  • Status quo vadis – Die lange Geschichte einer noch jungen Tribüne
  • „Sozialromantik ist sexy“ – Wie St. Pauli – Anhänger die Währungsreform stoppten
  • „Niemand kann uns zwingen, uns zu verkaufen“ – Der Kampf um den Namen des Stadion – und die Identität des Klubs

Verlag Die Werkstatt, 160 gebundene Seiten, 24,90 EUR, ISBN 978-3-89533-600-3

Ein Kommentar
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  1. Ich habe die Lesung vor 2 Woche im Urknall in Eimnsbüttel sehr genossen. War ein kurzweiliger Abend mit vielen schönen Anekdoten.

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