Ich kotze!

23. April 2010 | Von | Kategorie: Kolumne, Topstory

Manchmal würde ich mir wünschen, nicht so nah am Verein zu wohnen. Oder zumindest mit dem Herzen nicht so eng verbunden zu sein. Der Blick aus der Ferne kann so angenehm einfach sein, ohne das jetzt negativ zu meinen.

Für jemanden, der sein komplettes Leben nach dem Verein ausgerichtet hat, gehen in den letzten Monaten (ja, genau, das ist schon ein längerer Prozess) so unheimlich viele Dinge rund um den Verein kaputt. Umgestossen durch ein zwar professionell (wenn man wirtschaftliche Dinge zum Maßstab nimmt) arbeitendes Präsidium, denen gewachsene Fanstrukturen, Fanorganisationen, ja, man möchte bald schreiben, Fans einfach am Allerwertesten vorbeigehen oder vorbeizugehen scheinen. Das alles umstösst, beendet und neuordnet, ohne Rücksicht auf Verluste eben auch jener Fanszene, und damit letztlich auch des Vereins. Das zwar verkündet, Gräben zuschütten zu wollen, dabei aber grandios scheitert, und vielmehr jeden zweiten Tag nur noch weitere Gräben aufbaut.

In solchen Momenten wünschte ich, irgendwo ganz fern meiner Heimat zu sein, gelegentlich mal ein St. Paulispiel zu schauen oder so, und ansonsten vom Verein und dessen Kommunikation nach aussen, aber vor allem auch nach innen, in Ruhe gelassen zu werden.

Ich habe mal so gar keine Lust auf das Spiel heute Abend. Es geht mir am Allerwertesten vorbei, wie es ausgeht, für mich gehen zur Zeit komplett andere Dinge ziemlich den Bach herunter, die bereits länger andauerten als es irgendeine Erstligasaison jemals sein könnte.

Ich kotze. Kotze über den Umgang des Präsidiums gegenüber erwiesenermassen hervorragend arbeitenden Projekten (wenn ein Littmann mal Unternehmer des Jahres war – der Fanladen hat da auch so ne kleine Medaille erhalten, aber zum Glück nicht für wirtschaftliche Dinge, in einem Verein sollten andere Werte im Vordergrund stehen). Ich kotze über die Pressearbeit des Präsidiums, wo über jeden Pubs auf dem Trainingsgelände eine Pressemitteilung geschrieben wird, aber in den Momenten, wo alle das von denen erwarten erst nicht zurande kommt, und dann, wo was von denen kommt so schwammig bleiben, dass man alles, aber auch nichts aus deren Verlautbarungen herauslesen kann.
Ich kotze über die Verlogenheit, mit denen es sich gegenüber Fans und Organisationen im internen und externen Bereich äussert, ja, ich glaube, das Verb passt – vor sich hinwerkelt.

Meine Seite gibt es seit 1997. Ungefähr seit 18 Jahren gehe ich regelmäßig zu den Heimspielen und besuche, soweit mir das möglich ist, auch die Auswärtsspiele – diese Saison waren das leider viel zu wenige, als das ich mich als Auswärtsfahrer bezeichnen könnte, aber das hatte vor allem zeitliche Gründe, denn Gründe, die im Verein lagen.
Aber ich glaube, in dieser (für mich als 75er Jahrgang) relativ langen Zeit noch nie so sehr von dem angeekelt gewesen zu sein, was für mich dieser Verein einstmals bedeutete und wie das dann von einigen Personen umgesetzt wird.
Nein, von mir werdet ihr kein plattes „Littmann raus!“ oder so hören, das ist mir zu vereinfachend, zu oberflächlich. Aber ich entwickele so langsam eine gewisse Aggression gegenüber Teilen des Vereins. Ja, gegenüber mehreren Personen, aus dem Vorstand, aber auch aus der Fanszene. Personen, denen ich die letzten Jahre zumindest neutral gegenüberstand. Deren Meinung ich zwar oft nicht war, aber die ich (teilweise auch nur zähneknirschend) eben als deren Meinung akzeptiert habe, haben konnte. Ich mußte sie nicht teilen, aber es war die Meinung eines Teils vom FC St. Pauli.
Mitlerweile empfinde ich gegenüber gewissen Personen einen Hass. Und da helfen auch keine vollmundigen Phrasen mit „Gräben zuschütten“, wenn dann am nächsten Tag gleich die nächste Atombombe gezündet wird, nur um einen weiteren Tag später dann mit dem Bagger anzukommen und den entstandenen Krater wieder ein wenig zuzuschütten. Vielleicht ja auch mit neuen Logen.
Hass ist aber für eigenes Handeln kein guter Ratgeber, und deswegen werde ich mein Handeln auf das für mein eigenes Wohlbefinden erforderliche zurückschrauben. Auch wenn das dann indirekt auch wieder andere betreffen mag. Vielleicht wenigstens.

Habe fertig. Und lasse mir diesen Verein nicht durch drei, vier Leute kaputtmachen. Man sieht sich dann auf der JHV.

7 Kommentare
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  1. Guter und ehrlicher Eintrag. Und: du triffst auch meine derzeitige Gefühlslage – der Verein ist zwar noch nicht so lange wie bei dir Teil meines Lebens, aber in letzter Zeit bin ich einfach nur noch enttäuscht über alles, was die Vereinsführung sich leistet. Und wie das kommuniziert wird. Der Verein – das ist für mich schon lange nicht mehr, was den „Geist“ des FC St. Pauli am Leben hält. Und ich fürchte, derzeit gehen extrem viele Dinge, die sich die Fanszene über Jahre und Jahrzehnte aufgebaut, den Bach runter – forciert von Littmann, Meeske und Co.

    Hass empfinde ich nicht. Einfach nur noch Enttäuschung und Verachtung über das Verhalten des Vereins. Auf der einen Seite wird aus dem „Anderssein“ des Vereins jeder Cent herausgequetscht, auf der anderen Seite wird alles eingeschränkt, unterdrückt und beschnitten, was dieses „Anderssein“ ausmacht.

    Und was mich manchmal noch wütender macht: die Fanszene steht nicht gemeinsam gegen diese Entwicklung ein, sondern spaltet sich. Zu viele Leute, die eigentlich nur „Pauli“ in der ersten Liga sehen wollen, sabbelnd ihr Astra trinken und im Zuge der Blockade sich mit FDP-Wähler- und Konsumenten-Attitüde („Ich hab aber bezahlt, ich will jetzt rein!“) gegen die Leute stellen, die diesen Verein ausmachen. Von den rassistischen und homophoben Ausfällen gar nicht zu reden. Schlimm, das alles.

  2. Guter Beitrag, ich seh’s auch so, der Verein ist momentan nicht mehr das, was er mal war. Wenn der Erfolg daran Schuld ist, würde ich lieber in Liga 2 oder 3 spielen.

    Meiner Meinung sollten wir Fans gegen die aktuellen Entscheidungen gemeinsam protestiern – ohne uns ist auch der FC St. Pauli nichts magisches mehr!

  3. @konbon:

    E-Mail an den Verein ist schon raus. Und meine Stimme auf der nächsten JHV bekommt dieses Präsidium nicht.

  4. @Jack

    Und was mich manchmal noch wütender macht: die Fanszene steht nicht gemeinsam gegen diese Entwicklung ein, sondern spaltet sich. Zu viele Leute, die eigentlich nur “Pauli” in der ersten Liga sehen wollen, sabbelnd ihr Astra trinken und im Zuge der Blockade sich mit FDP-Wähler- und Konsumenten-Attitüde (“Ich hab aber bezahlt, ich will jetzt rein!”) gegen die Leute stellen, die diesen Verein ausmachen. Von den rassistischen und homophoben Ausfällen gar nicht zu reden. Schlimm, das alles.“

    Und genau da ist sie wieder -oder immer noch- die Attitüde gegenüber diesen Fans, die sich natürlich aus völlig niederen Beweggründen gegen „die Leute stellen, die den Verein ausmachen“. Wenn ich sowas lese, könnte nun wieder ICH kotzen, um beim Blogpostthema zu bleiben.Hier haben wir sie wieder, die Besserfans, die einzig Wahren.Gräben zuschütten? Nicht mit einer solchen Einstellung.Und wenn gar nichts anderes argumentativ einfällt, kommt die Rassismus-Keule. Aber ist schon klar, die Opfer, die wahren Opfer, sind ja die, „die den Verein ausmachen“ und wer das ist, ist deutlich. Je öfter ich solche Statement lese, desto mehr bin ich Pro Littmann und den Beschluss gegen die selbstverwaltete Kurve, denn trotz aller Stellungnahmen, die ja auch so von Einsicht zeugten, ist der Tenor des ersten Kommentares hier eigentlich das, was immer noch dahinter steckt. Arroganz ist keine positive Charaktereigenschaft, vielleicht ist das nur ein Denkfehler, drum erwähn ich es noch mal extra.

  5. @jekylla: Jaja, die Gräben und die Fronten – habe ich etwas von „Besserfans“ oder so geschrieben? Mich hat während der Blockade angekotzt, wie miteinander umgegangen wurde – und zwar von Leuten, die unbedingt in die Südkurve wollten, nicht von den Blockierenden, oder nur als Reaktion auf voherige Beleidigungen und Aggressionen. Und welche Anspruchshaltung dahinter zu stecken scheint. Aber lassen wir das. Deine Reaktion auf mein Posting wirkt auch nicht gerade völkerverständigend.

    PS: Dieser Eintrag stammt von jemandem, der blockiert wurde – und nicht von jemandem, der blockiert hat. Ich habe nichts mit USP zu tun. Deswegen bitte nicht meine Einträge hier mit irgendwelchen Stellungnahmen von USP vergleichen.

  6. „gegen die Leute stellen, die diesen Verein ausmachen“ – wer da wohl mit gemeint war?

    Das war relativ deutlich. Es waren die bösen Blockierten gegen die Leute, die diesen Verein ausmachen.
    Der Vergleich mit USP-affinen Aussagen lag einfach verlockend nah.

    Und genau deswegen mag mein Beitrag auch von Völkerverständigung deutlich entfernt sein, meine Bereitschaft des Aufeinanderzugehens mindert sich proportional zu solchen Aussagen, die auch nach Wochen nicht begriffen haben, warum sich die blockierten Idioten so aufregen, wo es doch nur 5 Minuten waren. Zwei-Fronten-Kriege sind immer schwer zu führen.

    Wurdest Du blockiert -also gegen Deinen Willen am Betreten des Stadions gehindert- oder warst Du solidarisch? nur mal als Verständnisfrage.

  7. […] ich muss sagen – entgegen meiner Stimmungslage zum Saisonende freue ich mich jetzt auch richtig auf das Spiel. Der Stimmungstöter, der alte Bombenleger, der hat […]

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