Stellungname von Corny Littmann zum Offenen Brief in der Mopo

2. April 2003 | Von | Kategorie: Offizielles

Liebe Freunde und Fans des FC St.Pauli,
vielen Dank für den an mich gerichteten „offenen Brief“, der mir bis jetzt von 24 Menschen geschickt worden ist.
Eine Vorbemerkung sei mir erlaubt: ich finde interne Kritik – auch in einer kritischen sportlichen Phase – notwendig. Egal an wem sie geübt wird. Aber wahrlich nicht egal, wo sie veröffentlicht wird. Will sagen: ich hätte mir die Direktzustellung dieses Schreibens gewünscht und nicht den Umweg über die Internetseite der MoPo, aus der ich überhaupt erst von diesem Schreiben erfahren habe. Kein guter Stil in meinen Augen, aber auch kein Grund, nicht auf den Inhalt zu antworten.

Also:
In dem Schreiben beschreibt ihr den Tätigkeitsbereich eines scheinbar allmächtigen Managers, den es beim FC St. Pauli schlicht und ergreifend nicht gibt.
Fakt ist erstens: Spielerverträge wurden und werden von Seiten des Vereins mindestens von zwei Personen unterzeichnet. Noch wichtiger: die Verpflichtung von Spielern und Vertragsinhalte sind natürlich Thema und Angelegenheit der Verantwortlichen, das sind das Präsidium des Vereins, die sportliche Leitung (Trainer, Sportdirektor und Manager) und der Aufsichtsrat. Aufgabe eines Managers ist die Vorbereitung von Entscheidungsgrundlagen verbunden mit den Vertragsgesprächen mit Spielern und ihren Beratern. Die Entscheidung liegt immer bei den Verantwortlichen, und da ist ein Manager immer nur einer von mehreren. So viel zur Behauptung „Stephan Beutel genießt Narrenfreiheit“.

Am 4.12.02 habe ich als Präsident Verantwortung übernommen. Ob in den Jahren zuvor falsche Entscheidungen getroffen worden sind, kann und will ich nicht beurteilen. Wenn dem so gewesen sein sollte, müssen daran etliche Verantwortliche beteiligt gewesen sein (s.o.).

Wohl beurteilen kann ich die Phase der Neuverpflichtungen in der Winterpause, an der ich unmittelbar beteiligt war. Das war ein einfaches Verfahren, wie es sich meiner Meinung nach auch gehört: der Trainer hat die personellen Vorgaben gemacht, der Manager hat verhandelt und das Präsidium hat entschieden. Weil es in eurem Schreiben zentral um die Person Stephan Beutel geht, sage ich auch gerne: der Manager hat zu Zeiten meiner Präsidentschaft hervorragend und immer im Interesse des Vereins verhandelt. Und Franz Gerber hat ja wohl auch sportlich die richtigen Entscheidungen getroffen, oder?!

Fakt ist zweitens: bei Verhandlungen über Verträge sitzen immer zwei am Tisch. Der Vater von Alex Meier hat dies im heutigen Abendblatt deutlich bestätigt: „Eigentlich sage ich nie etwas zu Vertragsgeschichten, aber in diesem Falle war es wirklich so, wie es der Verein darstellt. Zu einem Vertrag gehören zwei Seiten, und wenn die eine Seite nicht so will wie die andere, ist eben nichts zu machen. Selbstverständlich hat St. Pauli alles versucht, die Klausel von der Regionalliga in den Vertrag zu bekommen, aber wir wollten nicht. Und überhaupt: Wer hätte denn 2000 gedacht, dass es einmal so mit dem Verein kommen würde?“
Die Vorstellung, ein Manager könne gewissermaßen nach Belieben Optionen für alle Ligen, Ausstiegsklauseln oder ähnliches in einen Vertrag einarbeiten, ist einfach naiv. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt nämlich fast immer nicht nur ein Spieler, sondern auch noch dessen Berater. Und die sind auch sehr erfahren im Fußballgeschäft und wissen sehr wohl, ihre Interessen zu vertreten. Mit Recht im übrigen.

In eurem Schreiben fordert ihr, es hätten „längst Vertragsgespräche mit den Spielern stattfinden müssen“. Zum einen hat der FC St.Pauli bekanntlich mit vielen Spielern Verträge, die für eine nächste 2.Liga-Saison Gültigkeit haben. Das ist mir deshalb wichtig, weil ich noch lange nicht die Hoffnung aufgegeben habe, dass wir den Klassenerhalt noch schaffen. Ihr scheint da bedauerlicherweise weniger hoffnungsvoll zu sein. Zum anderen: unmittelbar nach dem Reutlingen-Spiel haben sich Präsidium, Franz Gerber und Stephan Beutel getroffen, um über eine sportliche Regionalliga-Perspektive zu sprechen. Morgen, am Mittwoch, wird es ein weiteres Treffen mit diesem Kreis und Andreas Bergmann und Hermann Klauck geben. Auf der Grundlage eines Konzepts der sportlichen Leitung wird dann Stephan Beutel Gespräche mit den Spielern führen. Das und nichts anderes ist die richtige Reihenfolge. Oder soll der Manager etwa Gespräche mit Spielern führen, die der Trainer gar nicht behalten will bzw. die nicht in sein sportliches Zukunftskonzept passen?

Damit sind wir bei eurer Aufforderung, ich solle ?Franz Gerber das uneingeschränkte Vertrauen bis 2004 aussprechen?. Sorry, aber das hab ich am letzten Freitag gemeinsam mit den beiden Vizepräsidenten ? auch im Namen von Stephan Beutel – sowohl gegenüber der Mannschaft als auch gegenüber der Hamburger Presse in aller Deutlichkeit bereits getan. Nachzulesen in den einschlägigen Blättern vom letzten Samstag. Und wer es nicht gelesen hat: Franz Gerber ist und bleibt der Trainer des FC St. Pauli auch in der nächsten Saison, egal in welcher Liga wir spielen. Basta.

Wer in all dem Gesagten ?keine klare Linie? meinerseits erkennen kann, der kann sich gerne auch weiterhin an mich wenden. Aber bitte direkt an: Corny.Littmann@fcstpauli.de.

Bei aller Kritik: was wir in dieser schwierigen Phase benötigen, ist eine große gemeinsame Anstrengung. Die erwarte ich zuallererst von den Angestellten des Vereins. Und die wünsche ich mir von den Mitgliedern, den Fans und den Freunden des FC St.Pauli. Schuldzuweisungen einzelnen gegenüber ? egal wen es ?trifft? ? sind da wenig hilfreich.

In diesem Sinne
Corny Littmann
(Präsident)
St. Pauli, 01.04.2003

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