Stellungnahme von Ultrà Sankt Pauli zum “Aufruf gegen Gewalt” des Fanladens

5. November 2005 | Von | Kategorie: Offizielles, Politik

Nach dem Heimspiel gegen Carl Zeiss Jena und den damit verbundenen Szenen im Stadionumfeld veröffentlichte der Fanladen St. Pauli mit zeitlichem Abstand einen “Aufruf gegen Gewalt“. In diesem enthalten sind diverse Unwahrheiten über das Verhalten von Sankt Paulianern, verbunden mit Pauschalisierungen.
Nicht nur auf Grund von “Kleidung und Aussehen” einiger Jena Fans ist es am 01.10.05 zu Konfrontationen gekommen, sondern wegen eines nicht geringen Teils der CZJ- Anhängerschaft, welcher als gewaltsuchend und rechtsoffen bis rechtsradikal bezeichnet werden kann und sich auch so darstellte.
Bereits direkt nach Abpfiff marschierte auf der Budapesterstraße ein Wanderkessel unter “Zick-zack-Zigeunerpack – Rufen und suchte die Eskalation mit den Heimfans. Nach Provokationen vor dem Spiel im Bereich des AFM-Containers war spätestens jetzt die Mär von durchgehend friedlich feiernden Jena-Fans zerstört.
Es lässt sich aus der Reaktion der Sankt Pauli Fanszene daher auch in keiner Weise eine irgendwie geartete generelle Ablehnung von Ostfans konstruieren, stattdessen ist es vielmehr eine Ablehnung gegen rechtes Gedankengut, welches bei Anhängern von Ostvereinen oftmals stärker vertreten ist. Die guten Kontakte und Freundschaften nach Babelsberg, Leipzig oder auch Jena führen den Vorwurf des latenten Rassismus ad absurdum.
Nur zur Verdeutlichung sei erwähnt, dass es schon vorher Kontakte nach Jena gab und sich nach dem Spiel St. Pauli- und Jena-Ultras zum netten und interessierten Gespräch trafen. Normale Jena-Fans wurden in die Auseinandersetzungen nicht hineingezogen.

Das Thema Ostfeindlichkeit darf und soll jedoch zu jedem Zeitpunkt diskutiert werden und selbstverständlich gilt es auch da, eventuell vorherrschende Abneigungen abzubauen.
In der aktuellen Debatte spielt das aber unserer Meinung nach keine Rolle.

Wir wehren uns auch gegen den Versuch des Aufrufes, die Bekleidungsmarke “Thor Steinar” zu relativieren. Sie wird von Brandenburger Nazis mit einer eindeutigen Naziästhetik und Nazisymbolik für Nazis produziert und vertrieben. Die Gewinne fließen somit direkt in die Neonaziszene zurück und das Tragen der Marke kann als direkte Unterstützung angesehen werden. Auf Grund des Presserummels um das Logoverbot sollte den Trägern dieser Kleidung ein ausreichendes Problembewusstsein zugesichert sein.
Thor Steinar” wird heute aus politischer Motivation und/oder als Provokation getragen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass es in Ostdeutschland leichter ist, diese Kleidungsstücke zu erwerben, und somit die theoretische Möglichkeit besteht, dass Menschen in Ausnahmefällen wirklich nicht wissen, was sie da tragen, so ist dennoch die Annahme, dass Fans, die regelmäßig zum Fußball gehen und mit Nazisprüchen am Millerntor provozieren, nur unbewusst “Thor Steinar“- Kleidung tragen, nicht nachvollziehbar.

Die Gründe für den Aufruf liegen noch im Dunklen. Offensichtlich hat der Verein erneut versucht, in Kollaboration mit der Polizei eine Spaltung der Fanszene voranzutreiben und den Fanladen zu diskreditieren. Erneut ist dies nicht gelungen.
Und erneut tätigen Präsidiumsmitglieder im gleichen Zeitraum eindeutige Aussagen, Sankt Pauli löse die Probleme mit Rechtsradikalismus selber – durch seine Fans [1].
Erneut wird der schwarze Peter in solchen Dingen dem Fanladen zugeschoben, damit sich der Verein nicht positionieren muss – letztlich auch positionieren zu seiner oft heuchlerischen Art, mit dem Themenkomplex Antifaschismus und Rebellentum umzugehen. Vermarktet und zur Profilierung eines verkaufsfördernden Image wird das alles gern benutzt, Fahnen mit zerschlagenen Hakenkreuzen, Che Guevara, zig andere Sachen. Und nicht zuletzt natürlich das ständige Kokettieren mit diesen Werten und Handlungen, ohne die der Verein lange nicht das wäre, was er heute noch immer ist. Wir sind jedoch nicht bereit, uns diesbezüglich in der Wahl der Mittel spalten zu lassen.

Es bleibt also alles beim Alten: Der Verein arbeitet mit dem Image der Fans und arbeitet zeitgleich Hand in Hand mit der Polizei wie kein vorangegangenes Präsidium, mit dem Ziel Sankt Pauli Fans in verschiedene Lager zu spalten.
Und auch das bleibt wie es ist: Es wird misslingen!

Ultrà Sankt Pauli im November 2005

Fussnoten:

[1] Von http://www.abendblatt.de/daten/2005/10/28/497061.html:
Daß der FC St. Pauli die Aktion unterstützt, ist ein Selbstgänger. “Unser Verein hat schon immer eine Vorreiterrolle gespielt. Jeder weiß, daß Nazis bei uns im Stadion keine Chance haben“, sagt Präsident Corny Littmann, der ebenso zum Gespräch mit Claudia Roth gekommen war wie Sportchef Holger Stanislawski, Mittelfeldspieler Thomas Meggle und Sicherheitschef Sven Brux.
Stanislawski befand: “Bei uns gibt es einen Selbstreinigungsprozeß, unsere Fans regeln den Kampf gegen Rechts selbst – wenn sie Sprüche hören oder Plakate sehen sollten.

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